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Der Schulträger

Romulus der Große

 BKY0887Hühnerzucht gegen Heldentum:
Theaterkurs spielt „Romulus der Große“

Der Herrscher als Hühnerzüchter, der das römische Imperium wegen seiner blutigen Geschichte verachtet und es bewusst herunterwirtschaftet, um es dann dem germanischen Aggressor Odoaker zu übergeben: So wird der letzte weströmische Kaiser in Friedrich Dürrenmatts Drama „Romulus der Große“ präsentiert.

Der Schweizer Autor geht mit den Tatsachen allerdings sehr frei um. So war der historische Romulus bei seiner Entmachtung gerade 16 Jahre alt und wurde mit dem Spottnamen „Augustulus“, also „Kaiserlein“, bedacht – wegen seiner Bedeu-tungslosigkeit. Diese wird nun bei Dürrenmatt zur Taktik. Dem Ehrgeiz seiner Familie und seines Hofstaates, deren Pfründe nur durch das Weiterbestehen des Imperiums gesichert wären, setzt Romulus aus politischem Kalkül heraus einfach sein Nichts-Tun als Kaiser entgegen, denn: „Als Privatmann zu faulenzen, ist völlig wirkungslos.“


 BKY1033Diese Geschichte, im Dürrenmattschen Sinne komödienhaft und grotesk, hat nun der Theaterkurs am Andreanum unter der Leitung von Carina Heidkamp auf die Bühne im Telemannhaus gebracht. Die 20 Schülerinnen und Schüler präsentierten in knapp zwei Stunden eine leicht gekürzte Fassung und hatten das Publikum aufgrund ihrer von Beginn an spürbaren Spielfreude und Konzentration schnell auf ihrer Seite. Die sparsame, aber klar akzentuierte Bühnenausstattung, phantasievolle und farblich klug abgestimmte Kostüme sowie die gelungene Lichtsetzung – die nach nicht unerheblichen technischen Querelen im Vorfeld dann doch zur Premiere wieder funktionsfähig war, dank Aaron Keuntje und dem Beleuchtungs-Team – ließen im Einklang mit wirkungsvollen und manchmal überaus amüsanten Choreografien schöne Bilder entstehen.


 BKY0808Gerade bei Schüler*innen-Theater steht in erster Linie die Gesamtleistung des Ensembles im Vordergrund. Und wer ahnt, welche Mühen es kostet, neben der eigentlichen schauspielerischen Leistung im Laufe eines Schuljahres all das bereitzustellen, was für eine gelungene Vorstellung unverzichtbar ist – die Herstellung des schon erwähnten Bühnenbildes, die Beschaffung der Requisiten, die Organisation der Abläufe bei Umbauten, das Zeitmanagement für Kostümwechsel und vieles, vieles mehr – der muss allen Beteiligten seine Hochachtung aussprechen.


 BKY0747Die Figur des Romulus, mit der notwendigen Mischung aus Desillusionierung und Ironie, wird von Janne Borgaes souverän mit nie nachlassender Präsenz verkörpert, flankiert von seinen überkorrekten Kammerdienern (Rieke de Buhr, Nick-Jalen Henker), Lena Faller als Romulus‘ Frau Julia und Antonia Prinz als oströmischer Kaiser Zeno - ebenfalls begleitet von seinen zeremoniestrengen Kämmerern (Maja Köhler, Leon Mai) überzeugen durch die Vehemenz, mit der sie – wider alle Vernunft – die Verteidigung des Imperiums zu ihrer Sache machen und damit scheitern müssen. Dana Dietrich als Ämilian spielt außerordentlich intensiv und glaubwürdig den geschundenen, aus germanischer Gefangenschaft entkommenen Patrizier, der trotz allem an seinem Ideal des Römischen Reiches festhält und sogar seine Verlobte, die Tochter des Kaisers (Eva Kinder) dafür opfern will, die mit dem Schau-spiellehrer Phylax (Nelli Dönselmann im Sande) die Antigone studiert.

 

 BKY1326Ela Arkasap als Innenminister Tullius Rotundus changiert mit komischen Akzentuierungen gekonnt zwischen „verbrannte-Erde-Parolen“ und hoffnungsvollen Perspektiven, was sich beides letztlich als obsolet herausstellt. Der Kriegsminister (Anna Jörren) erfindet sogar die „totale Mobilmachung“. Der Hosenfabrikant Cäsar Rupf wird von Anna Peggau in eindrucksvoll komödiantischer Weise als Karikatur eines Großkapitalisten dargestell (alles ist käuflich); ebenso gelingt Alea Unger die parodistische Zur-Schau-Stellung des Antiquitätenhändlers Apollyon, der sich am Aus-verkauf der antiken Kultur bereichert. Arne Wiermann als Spurius Titus Mamma, dem als „reitendem Boten“ die Übermittlung der bevorstehenden Katastrophe nie gelingen will, sorgt als Running Gag für Lacher im Publikum.

Und Ruth Boltzendahl als Germanenfürst Odoaker erweist sich mit einer stimmigen Verknüpfung von autoritärem Gestus und zweifelnder Nachdenklichkeit dem staunenden Romulus als Bruder im Geiste, wissend, dass seinem tumben Neffen Theoderich (Lilith Kolbe) die Zukunft gehört.

 

Was bleibt? Der Beginn einer neuen Ära wird von den Hosenträgern angezeigt, die die Germanen mitgebracht haben – und dem Bier, das ploppend den Spargelwein ablöst. 70 Jahre nach der Uraufführung des Stückes kann es sein, dass es dies ist, was die Schülerinnen und Schüler des Theaterkurses in Dürrenmatts Text gefunden und als wichtig erachtet haben: das absurd erscheinende Einhergehen von Banalität und Katastrophe, von Klugheit und Handlungsunfähigkeit.

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Eberhard Schneider