Dingelbe, Andreanum, Bergen-Belsen: Wie Heinrich Jasper zur Hassfigur der Nazis wurde

Heinrich JaspersDer Todestag von Heinrich Jasper jährt sich am Mittwoch zum 75. Mal. Der frühere Braunschweiger Ministerpräsident stammt aus dem Landkreis Hildesheim. 1919 verhinderte er ein Blutbad, 1945 starb er im KZ.

 

Von Tarek Abu Ajamieh

Ein fröhlicher kleiner Junge, der über den Hof des Ritterguts Dingelbe tollt. Ein guter Schüler, der sich am Andreanum über sein Lateinheft beugt. Ein mutiger Soldat im Ersten Weltkrieg. Ein ebenso besonnener wie konsequenter Politiker, der in Braunschweig ein Blutbad verhindert und zugleich mächtige Parteifreunde scharf kritisiert. Ein kranker, geschwächter Mann, der in einem Konzentrationslager sein Leben aushaucht – wenige Wochen, bevor das Regime seiner Peiniger zusammenbricht.

Schlaglichter auf das Leben des Heinrich Jasper, dessen Tod im KZ Bergen-Belsen sich am Mittwoch zum 75. Mal jährt.

 

Ein Mann, in dessen Leben sich Brüche der deutschen Geschichte widerspiegeln. Der zum Ministerpräsidenten aufsteigt und als Geächteter endet, den Freunde nur noch heimlich treffen können. Und der durch alle Systeme vor allem eins bleibt: Ein unerschrockener Kämpfer für Frieden und Freiheit, für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte. Genau das kostet ihn am Ende das Leben. Das Leben, das im Landkreis Hildesheim begann.

Das Kind in der Börde
Dass er einmal einer der bedeutendsten Sozialdemokraten Deutschlands werden würde, ist dem kleinen Heinrich nicht gerade in die Wiege gelegt. Er kommt am 21. August 1875 auf dem Rittergut Dingelbe zur Welt. Das hat sein Vater, ein wohlhabender Mann, gepachtet. Die aufkommende Arbeiterbewegung jener Jahre dürfte Jasper senior vom Stand her fremd gewesen sein. Doch der kleine Heinrich kommt schon bald mit anderen Gedanken in Berührung. Als er sechs Jahre alt ist, trennen sich die Eltern, und der Sohn muss das behütete Gut in der Börde verlassen. Der Vater meldet ihn am Gymnasium Andreanum an und bringt ihn während der Schulzeit in einer Pension für Jungen unter. Die Herbergseltern legen für ihre Gäste regelmäßig Schriften von August Bebel aus, und Heinrich Jasper entwickelt früh ein Interesse daran. Das verblasst auch nicht, als er mit elf zu seinem Vater nach Braunschweig zieht. Als Jurastudent in München besucht er SPD-Versammlungen. Nach seinem Studium kehrt er als Anwalt in die Löwenstadt zurück, tritt 1902 in die Partei ein, kommt in den Stadtrat, wird 1905 SPD-Chef in Braunschweig. Da ist er gerade 30 Jahre alt.

Der Retter von der Front
*Und ringt angesichts des drohenden Weltkriegs mit sich. Einerseits ahnt er die Katastrophe: „Das Gebräu aus diesem Hexenkessel wird schwerlich ein guter Trunk“, dieses Zitat wird ihm zugeschrieben. Allerdings auch die Position, dass „Europa nicht Kosakisch werden soll“. Den Krieg erlebt Jasper als Feldwebel. Welche Bedeutung er in Braunschweig bereits erlangt hat, wird kurz vor Kriegsende deutlich. Da lässt ihn der Herzog von Braunschweig aus der Armee abberufen. Der hoch angesehene SPD-Mann soll die sich anbahnende Revolution der Arbeiter im Zaum halten. Tatsächlich gelingt es Jasper – nicht zum letzten Mal – blutige Kämpfe zu verhindern. Er schafft es, den ersten frei gewählten Landtag von Braunschweig, dessen Präsident er wird, nach dem Abgang des Herzogs zum neuen Machtzentrum zu machen. Zudem wird er in die Nationalversammlung gewählt, nimmt als Staatsrechtler Einfluss auf die Wei- marer Verfassung.

Der Wahrer des Friedens
Gefragt ist er jedoch vor allem in Braunschweig. Im April 1919 wird er Ministerpräsident des neuen Freistaats. Es sind dramatische Tage: Um die erneut rebellierenden Arbeiter, die mit einem Generalstreik öffentliches Leben und Versorgung lahmlegen wollen, zu entwaffnen, schickt Reichspräsident Friedrich Ebert 10 000 Soldaten. Gebannt schauen die Braunschweiger auf Heinrich Jasper: Wie wird er sich positionieren? Der Sozialdemokrat beschwört die Arbeiter, Ruhe zu bewahren und ein Blutbad zu vermeiden. Er findet Gehör – doch seine Appelle bedeuten keineswegs, dass er Eberts Schritt unterstützt. In einem Telegramm an seinen Parteifreund in Berlin protestiert er gegen die „Militärdiktatur“ und den „unzulässigen Eingriff in Länderrechte“. Diese Haltung mehrt sein Ansehen weiter. Als die Lage sich beruhigt, bleibt er Regierungschef in Braunschweig. Jasper führt den Freistaat fast während der gesamten Zeit der Weimarer Republik. Leitet in wechselnden Koalitionen zeitweise mehrere Ministerien parallel. Vor allem die Schulpolitik liegt ihm am Herzen, auch Angehörige ärmerer Familien sollen durch Bildung den Aufstieg schaffen. Zudem treibt er Sozial- und Bodenreformen voran und managt die heikle Aufgabe, das gestürzte Herzogshaus abzufinden. So steuert er das Land vergleichsweise stabil durch die 1920er-Jahre.

Der unbeugsame Widersacher
Doch 1930 verliert die Linke ihre Mehrheit. Braunschweig bekommt eine konservative Regierung, die sich auch auf die NSDAP stützt – vor allem auf den Fanatiker Dietrich Klagges, der Minister für Inneres und Volksbildung wird. Jasper, als SPD-Fraktionschef nunmehr Oppositionsführer, versucht Klagges mit einem Misstrauensantrag aus dem Amt zu kippen, scheitert aber im Landtag. Ebenso mit weiteren Versuchen, den steigenden Einfluss der Nationalsozialisten zu begrenzen. Aber die Bemühungen werden sich rächen. Jasper ist in Braunschweig zur absoluten Hassfigur der Nazis geworden. Und als Hitler am 31. Januar 1933 die Macht im Reich übernimmt, warten sie nur wenige Wochen, um diesen Hass auszuleben. Am 18. März wird der inzwischen 57-Jährige verhaftet, SS-Schergen foltern ihn. Er soll auf sein Mandat im Braunschweiger Landtag verzichten, die Nazis wollen ihn auf scheinlegalem Weg loswerden. Doch Jasper verweigert trotz aller Schmerzen die Unterschrift. Nun ist seinen Gegnern auch der Anschein des Rechts nicht mehr wichtig. Für zwei Jahre landet er in einem Braunschweiger Gefängnis, wird vollständig isoliert. Sein alter Widersacher Klagges, inzwischen selbst Ministerpräsident, wischt ein Entlassungsgesuch beiseite. Jasper freizulassen, sei „nicht zweckmäßig“, vielmehr gehöre dieser in ein Konzentrationslager.

Der geächtete Nachbar

Und dort landet er auch. Von 1935 bis 1938 halten die Nazis den Sozialdemokraten im KZ Dachau gefangen. Im Juni 1938 lassen sie ihn überraschend frei – aber unter strengen Auflagen. Jasper muss sich jeden Tag bei de Gestapo melden, seinen Beruf als Rechtsanwalt darf er nicht mehr ausüben. Und wird öffentlich geächtet. Wie sich das auswirkte, erzählt im Jahr 2015 der Zeitzeuge Ernst- August Roloff anlässlich der Verle- gung eines „Stolpersteins“ für Heinrich Jasper in Braunschweig. Roloffs Vater, als Deutschnationaler einst politischer Gegner Jaspers, habe diesen Anfang 1939 zu einem Besuch eingeladen. „Es durfte aber niemand davon erfahren.“ Jasper bleiben insgesamt sechs Jahre von dem bisschen Freiheit, dass die Nazis ihm lassen. Am 22. August 1944, einen Tag nach sei- nem 69. Geburtstag, wird er wie viele weitere bis dahin noch freie frühere SPD-Funktionäre verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert.

Der Tote vor der Baracke

Spätestens dort wird er krank. Die Leiden und Entbehrungen der Jahre in Gefangenschaft haben Jasper geschwächt, hinzu kommt sein Alter. Ob er noch hofft, das Ende des Krieges, den Untergang des verhassten Regimes zu erleben? Es sind keine Worte mehr überliefert. Sicher ist nur, dass Heinrich Jasper am 10. Februar 1945 vom KZ Sachsenhausen in das Lager Ber- gen-Belsen gebracht wird. Dort stirbt er neun Tage später. Manchen Quellen zufolge erliegt er dem Flecktyphus, nach einer anderen Darstellung erfriert er vor seiner Baracke. Sicher ist nur der Todestag: der 19. Februar. In jener Zeit stirbt in Bergen-Belsen wohl auch das berühmteste Opfer dieses Lagers: Anne Frank. Ihr exakter Todestag ist unbekannt. Heinrich Jasper wird in einem Massengrab beerdigt.

 

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 17.02.2020