Engel und Maria kehren zurück ins Andreanum und ins Kloster

Verkündigungsengel u Maria600 Jahre hing die „Verkündungsgruppe“ an der Andreaskirche

Von Christian Harborth

Hildesheim. Dass Engel gewichtige Persönlichkeiten sind, ist nichts Neues. Der Engel aus Sandstein, mit dem Generationen von Schülern des Gymnasiums Andreanum ihre Schulzeit geteilt haben, sollte eigentlich am Wochenende wieder an seinem Platz am westlichen Ende des Haupttrakts stehen. Genauso wie die Marienfigur, die das Michaeliskloster dem Dommuseum zeitgleich und für fast ein Jahr als Leihgabe überlassen hatte. Doch die Rückgabe verzögert sich jetzt. Nicht wegen Corona, sondern, weil man das Gewicht der Figuren unterschätzt hat. „Wir brauchen einen Kran“, sagt Gerhard Lutz, stellvertretender Chef des Dommuseums.Engel und Maria gehören zur zweiteiligen „Verkündungsgruppe“, die Hunderte Jahre an der Außenwand der Sakristei der Andreaskirche hing.

 

Zu sehen war dort die Szene, in der der Engel der Jungfrau Maria verkündet, dass sie einen Sohn empfangen wird. Doch durch den Zweiten Weltkrieg wurde das Paar auseinandergerissen und eingelagert. Ob sie noch vor der Bombardierung in Sicherheit gebracht wurden oder erst, vergleichsweise unbeschädigt, danach – „Wir wissen es nicht mehr“, sagt der Schulleiter des Andreanums, Dirk Wilkening.Fakt ist, dass der Engel irgendwann in den 1960er-Jahren, als das Andreanum am neuen Ort errichtet wurde, wieder auftauchte und seinen Platz auf einem Sockel am Ende des Haupttrakts fand.

Etwa zeitgleich tauchte auch die Maria wieder auf – sie wurde zunächst in den Kreuzgang des Michaelisklosters integriert und fand nach dem Umbau vor 20 Jahren im Kapitelsaal einen festen Platz.Irgendwann wurde das Dommuseum auf die beiden Figuren aufmerksam – weil sie zu den „seltenen Beispielen der Hildesheimer Monumentalplastik der Zeit um 1400 zählt“, wie im aktuellen Katalog der Ausstellung „Zeitenwende“ zu lesen ist. Dort waren die beiden Figuren von Oktober 2019 bis Februar 2020 zu sehen.

Das weckte auch bei der Andreaskirche Begehrlichkeiten. „Wir wussten gar nicht, dass es die beiden Figuren noch gibt“, sagt Detlef Albrecht, Pastor der Andreaskirche. Der Chef des Kunstreferats der Landeskirche, Dr. Thorsten Albrecht, empfahl, die Figuren zurück in die Andreaskirche zu holen. Auch vor dem Hintergrund, dass der Engel und Maria aus theologischer Sicht gar nicht auseinandergerissen werden dürften. Die Andreaskirchen-Gemeinde formulierte jetzt ihren –juristisch betrachtet wohl einwandfreien – Anspruch auf die Figuren. Und erntete umgehend heftige Gegenwehr aus dem Andreanum und dem Michaeliskloster. „Sie meldeten sich sehr deutlich zu Wort“, erinnert sich Pastor Albrecht schmunzelnd. Erneut setzte sich der Kirchenvorstand zusammen – und beschloss am Ende, die Figuren wieder dorthin zu schicken, wo sie die vergangenen Jahrzehnte gewesen waren. „Schließlich sind inzwischen auch Teil der Identität der Einrichtung“, sagt Gerhard Lutz vom Dommuseums.

Er wollte die beiden schweren Sandstein-Figuren am Freitag eigentlich auf die Reise „nach Hause“ schicken. Der 1,24 Meter hohe Engel sollte auf seinen alten Sockel im Andreanum. Im Michaeliskloster sollte die Maria jetzt in die alte Kreuzkapelle der Mönche. „Bisher war sie nicht so prominent zu sehen“, sagt Michaeliskloster-Direktor Jochen Arnold. Das ist jetzt zunächst verschoben. Aber nicht aufgehoben.

Eine Neuerung wird es dann aber noch geben. Und zwar an beiden Standorten: Die Figuren sollen Erklärungen an ihre Seite bekommen. Und ein historisches Foto. Damit jeder sehen kann, wo die „Verkündungsgruppe“ die ersten 600 Jahre zu sehen war.

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 23.03.2020