Corona – und wie weiter? Was die Schulen lernen müssen

„Präsenzunterricht“ – dieses Wort gab es bis vor kurzem gar nicht. Schule fand immer in der Schule statt. Doch genau das muss jetzt, nach wochenlanger Auszeit, plötzlich ganz neu geregelt werden. Was bisher geschah, und wie es nun weitergeht, haben wir drei Schulleiter, eine Lehrerin und einen Schüler gefragt.

 

HiAZ Interview Wilkening kleinerDieses Videointerview auf die Beine zu stellen, hat technisch einige Probleme bereitet. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Möglichkeit der Schulen, Schülern zu Hause das Lernen verbindlich zu ermöglichen, wie es vom niedersächsischen Kultusministerium seit dieser Woche vorgesehen ist?

René Mounajed: Das hängt sehr davon ab, wie weit die Schulen vorher waren. Wer im laufenden Homeoffice-Betrieb versucht, auf digitales Arbeiten umzustellen, hat es schwer. Für die RBG ist es eher kein Problem. Wir arbeiten über den Schulserver IServ, die Hardware ist vorhanden, die elektronischen Kommunikationswege etabliert.

Dirk Wilkening: Ich kann dem Kollegen zustimmen, auch wir sind zum Glück schon recht weit. Technische Probleme gibt es trotzdem. Ich erlebe immer wieder solche Videokonferenzen, in denen die Hälfte der Zeit dafür draufgeht, erstmal die Verbindung hinzukriegen. Die Schüler sind da oft viel weiter.

Herr Mounajed, als Geschäftsführer des Landes-Schulleiterverbands kriegen Sie sicher auch die Situation an anderen Schulen mit: Wie arbeiten die, wenn Schüler nur über das Handy einen Internetzugang haben, aber zu Hause keinen Computer oder Drucker nutzen können?

Mounajed: Ich glaube, dass auch solche Schüler ausreichend Möglichkeiten haben, sich zu informieren oder sich eine geeignete Ausstattung zu organisieren. Die Stadt Hildesheim beispielsweise bietet Leihgeräte an. Wer das will und einfordert, bekommt Unterstützung. Aber das wird nicht von allen wahrgenommen. Deshalb ist es gut, dass die Notbetreuungsregelung so ausgeweitet wurde, dass wir nun auch an den Schulen Kinder betreuen können, die zu Hause kein geeignetes Lernumfeld haben.

Die Jugendlichen mögen ja im Umgang mit dem Internet und der dazugehörigen Technik schon recht weit sein – aber bedeutet das auch, dass sie auch das eigenständige Lernen über diese Kanäle umsetzen können?

Wilkening: Eigenverantwortliches Arbeiten braucht einen Rahmen. Die technischen Hilfsmittel dafür werden jetzt vielleicht schneller eingeführt, aber der Rahmen ist das, was im Moment sehr fragil ist. Ich glaube nicht, dass diese Situation die Eigenverantwortlichkeit besonders fördert. Mounajed: Es kommt auch hier darauf an, inwieweit das vorher schon eingeübt wurde.

Und die Lehrer, wie gut sind die auf das digitale Arbeiten eingestellt?

Wilkening: Auch am Andreanum haben wir das Glück, seit letztem Jahr schon mit IServ zu arbeiten. Die Kompetenzen der Lehrer sind durchaus unterschiedlich. Aber alle halten Kontakt zu ihren Schülern – und sei es per Telefon. Mounajed: Ein großer Fehler ist , dass Lehrer nicht als systemrelevant eingestuft wurden. Dadurch haben vor allem Kollegen mit kleinen Kindern im Homeoffice große Hürden zu bewältigen.

Ich höre in meinem Bekanntenkreis häufiger, dass die Schulen zwar Aufgaben verteilen, deren Erledigung aber hinterher nicht überprüft wird. Wie handhaben Sie das?

Wilkening: Die Rückmeldekultur ist genauso wichtig wie die Aufgaben selbst. Zu sagen: Hier habt ihr eure Arbeitsblätter, wir hören uns dann in fünf Wochen wieder, reicht nicht aus. Das habe ich an meiner Schule von Anfang an klar gemacht.

Mounajed: Die Erlasslage war ungünstig: Bis zu den Osterferien sollten ja ganz ausdrücklich keine Arbeiten bewertet werden. Da war die Verbindlichkeit einfach nicht gegeben. Inzwischen ist das ein anderer Schnack.

Wie sehen Sie aktuell die Rolle der Eltern?

Wilkening: Die Eltern können zu Hause die Abläufe strukturieren, feste Lernzeiten schaffen zum Beispiel. Aber auch dafür sorgen, dass die Kinder mal rausgehen. Über die Schulaufgaben mal drüber zu gucken, kann nicht schaden, aber Eltern sollten sich auf keinen Fall als Hilfslehrer sehen. Das führt schnell zu Überforderung auf beiden Seiten.

Mounajed: Den Eltern ist viel zugemutet worden und sie haben ihren Beitrag gestemmt. Aber jetzt wird es Zeit, die schulische Arbeit auch wieder an die Schulen zu bringen.

Was waren denn für Sie und Ihre Lehrerkollegen die größten Herausforderungen der letzten Wochen?

Mounajed: Die Lehrer haben einen riesigen Batzen übernommen: Sprechstunden anbieten, Aufgaben stellen und im Blick behalten, den ganzen Prozess managen, dazu noch die Notbetreuung. Manches ist auch durcheinander gegangen, so habe ich einige Male von den Eltern gehört, dass zu viele Aufgaben gestellt wurden. Parallel hatten viele Lehrer auch noch mit der Prüfungsvorbereitung zu tun. Manches hätte nicht sein müssen. Von den Abiturienten zum Beispiel haben 80 Prozent ihr Abi schon in der Tasche. Der Schulleiterverband hat sich ausdrücklich dafür ausgesprochen, die Prüfungen nur auf freiwilliger Basis anzubieten für diejenigen, die ihre Note verbessern wollen.

Wilkening: Für mich persönlich war und ist eine große Herausforderung, der ununterbrochenen Informations- und Regelungsflut Herr zu werden, die weder Wochenenden noch Ferien kennt. Aktuell müssen für alle im Kollegium neue Raumpläne und Stundenpläne erarbeitet werden.

Nochmal zum Thema Abiprüfungen, Herr Mounajed: Was ist da das Hauptproblem?

Mounajed: Wir kriegen es hin, die Abstände in den Prüfungsräumen einzuhalten. Wir fragen routinemäßig auch immer vorher ab, ob sich alle gesund fühlen. Aber wenn in der Prüfung einer hustet oder einen heißen Kopf bekommt, sprich Krankheitssymptome zeigt, müssen wir ihn in einem anderen Raum weiterschreiben lassen und dort natürlich auch beaufsichtigen. Dafür habe ich an meiner Schule gar nicht die Ressourcen.

Die Schüler sollen ab dem 27. April jahrgangsweise wieder zurück an die Schulen kommen, beginnend mit den Abschlussklassen. Ist das ein guter Plan? Oder hätten Sie einen besseren gehabt?
Wilkening: Ich finde die niedersächsische Regelung total angemessen und richtig, sie bringt Ruhe rein. Ich selbst hätte wahrscheinlich eher die fünften und sechsten Klassen als erstes zurück an die Schulen geholt, weil die für das Lernen zu Hause am schlechtesten aufgestellt sind. Aber für den jetzigen Weg gibt es gute Argumente.

Mounajed: Ich bewundere die politisch Verantwortlichen für ihren Sachverstand. Ich fand die Empfehlungen der Leopoldina, mit den Jüngsten anzufangen, sehr grenzwertig. In dieser Altersgruppe ist es am schwierigsten, Hygienemaßnahmen umzusetzen. Die RBG mit ihren 1500 Schülern ist ein Schmelztiegel, da kommen so viele Menschen zusammen. Ich finde die niedersächsische Entscheidung richtig so.

Durch diese schrittweise Rückführung kommt ein Teil der Schüler erst kurz vor den Sommerferien wieder in die Schulen. Macht das dann überhaupt noch Sinn? Oder hätte man besser die Schulen bis zu den Sommerferien dichtmachen sollen? Und sollte man unter diesen Umständen die Sommerferien kürzen?

Wilkening: Ich sage: Jeder Tag an der Schule ist für die Schüler ein Gewinn! Die Ferien zu verkürzen, halte ich für organisatorisch schwierig. Aber die Lehrer wären wohl bereit.

Mounajed: Corona ist nicht besiegt und bestimmt weiter unser Leben. Jede weitere Öffnung ist ein zusätzliches Risiko. Wenn wir Corona ernst nehmen, sollten wir jetzt vor allem unseren Fokus auf das neue Schuljahr richten und darauf, wie wir dann weiterarbeiten können.

In der zurückliegenden Phase des Zuhause-Lernens haben die meisten Lehrer ganz bewusst keine neuen Inhalte vermittelt, sondern den Fokus daraufgelegt, bestehendes Wissen zu festigen. Das war auch gewünscht, um Schwächere nicht über Gebühr zu benachteiligen. Dennoch dürfte es für einige Schüler nun deutlich schwieriger werden als für andere, den verpassten Stoff nachzuholen. Welche Folgen wird das haben?

Wilkening: Unser Fokus ist ohnehin weniger das Vermitteln von Inhalten und mehr das Vermitteln von Kompetenzen für das lebenslange eigenständige Lernen. Ich glaube, da kann man mit einer großen Gelassenheit auf dieses eine Quartal verzichten.

Mounajed: Wir müssen nach dieser ganzen Corona-Zeit einen Kassensturz machen und uns fragen, auf welche Kompetenzen und welches Wissen wir am Ende wirklich Wert legen. Und für die aktuellen Jahrgänge gilt: Wir dürfen auch in Zukunft nicht vergessen, dass es diese Phase gegeben hat.

Erwarten Sie, dass mehr Schüler als sonst die Klassenstufe wiederholen werden?

Wilkening: Ich glaube, dass es zumindest mehr Beratungsbedarf und vielleicht auch mehr Empfehlungen in diese Richtung geben wird.

Mounajed: An der RBG geht das gar nicht. Eine größere Zahl an Wiederholern könnten wir räumlich gar nicht unterbringen.

Wie handhaben Sie die Benotung in den Schuljahreszeugnissen?

Wilkening: Erstmal gilt ja für alle, dass die Noten bis zum 15. April feststehen. Die Schüler haben jetzt aber die Möglichkeit, sich über individuelle Leistungen noch zu verbessern. Meine Achtklässler zum Beispiel bereiten gerade eine Videopräsentation zum Thema Kommunikation vor.

Mounajed: Bei uns kommt noch als Besonderheit hinzu, dass wir Noten ohnehin erst ab Klasse 9 vergeben, davor gibt es schriftliche Lernentwicklungsberichte. 

Werden die Schüler im Schnitt durch den Unterrichtsausfall besser oder schlechter abschneiden?

Mounajed: Das kann ich nicht sagen, aber das ist auch eine sekundäre Frage. Wir müssen dafür sorgen, dass die Schüler langfristig keine Nachteile haben.

Wilkening: Meine Vermutung ist, dass es sich mehr in der Mitte ballen wird, weil die Trennschärfe in der Bewertung fehlt. Das Notenspektrum von 1 bis 6 soll ja die Möglichkeit zu einer sehr differenzierten Beurteilung bieten, aber die ist in der momentanen Situation eben nicht wirklich möglich. 

Für die Wiederaufnahme des Unterrichts will das Kultusministerium einen Hygieneplan zur Verfügung stellen. Kennen Sie diesen schon? Ist er umsetzbar?

Mounajed: Es gibt erste Handreichungen, aber generell wird die Neu-Organisation an keiner Schule unproblematisch sein. Das fängt bei den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten an, geht über das Vorhandensein von Seife und Papierhandtüchern, bis zu der Frage, wo die Kloaufsicht herkommen soll, die das Händewaschen kontrolliert. Da kriege ich auch über den Schulleiterverband teils erschreckende Rückmeldungen. Und völlig ungeklärt ist auch, wer die Verantwortung hat, wenn es zum Beispiel darum geht, zu entscheiden, was eigentlich „Symptome“ sind und wie das Tragen von Masken umzusetzen ist.

Wilkening: Als Schule in kirchlicher Trägerschaft haben wir unser 20-seitiges Papier schon erhalten. Für uns bin ich da ganz optimistisch. Wir haben am Andreanum relativ neue Toilettenanlagen. Desinfektionsmittel, die dazugehörigen Spender und Masken haben wir bestellt. Das Gute ist ja, dass wir noch ein bisschen Vorlauf haben. 

Um die Abstandsregelungen einzuhalten, ist ein „umschichtiges Präsenzsystem“, vorgesehen, also ein Teil einer Klasse bleibt zu Hause, während die anderen in die Schule kommen. Bedeutet das für die Lehrer, dass sie jede Unterrichtsstunde doppelt vorbereiten müssen?

Wilkening: Ich weiß auch noch nicht so genau, wie das funktionieren wird. Das haben wir nicht auch nicht zentral geregelt – da kann jeder Lehrer seine individuellen Lösungen entwickeln. Ich bin selbst gespannt, wie das klappt.

Schüler mit Vorerkrankungen oder solche, die mit Menschen mit erhöhtem Krankheitsrisiko zusammenleben, sollen auch weiterhin zu Hause bleiben dürfen. Ist das eine Aufhebung der Schulpflicht durch die Hintertür?Wilkening: Das sind immer Einzelfallprüfungen. Ich rate den Schülern, sich mit ihren Eltern und ihrem Arzt zu beraten. Eine Aufhebung der Schulpflicht sehe ich nicht, aber ein Abwägen zwischen Schulpflicht und dem Schutz der Gesundheit. 

Lassen Sie sich ärztlich oder behördlich bescheinigen, ob ein Schüler in diese Gruppe fällt oder dürfen Eltern auch von sich aus entscheiden, ihr Kind nicht in die Schule zu schicken, weil sie sich damit unwohl fühlen?

Wilkening: Das Entschuldigungsschreiben der Eltern ist ja immer eine Bitte um Entschuldigung, die wir auch ablehnen können. Aber ich kann mir keinen Fall vorstellen, wo Eltern gesundheitliche oder familiäre Gründe für das Fernbleiben vom Unterricht nennen und wir darauf bestehen, dass der Schüler dennoch kommt. Lehrer bräuchten übrigens schon ein Attest, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben.

Mounajed: Ich kann verstehen, wenn sich jemand Sorgen macht, ich mache mir auch Sorgen. Ich habe für solche Fälle noch keine Lösung, aber ich würde erstmal den Dialog mit den Eltern suchen.

Wie sieht es da denn in Ihren Kollegien aus? Ich habe von einer Grundschule gehört, in der die Hälfte der Lehrer selbst zur Risikogruppe zählt. Kann unter solchen Umständen überhaupt regulärer Unterricht im erforderlichen Umfang angeboten werden?

Mounajed: An der RBG ist das Kollegium recht jung. Von mehr als 140 Kollegen haben sich zehn gemeldet, die in die Altersrisikogruppe fallen und aus diesem Grund von zu Hause aus arbeiten möchten. Wohlgemerkt: Sie arbeiten trotzdem, das ist kein Urlaub. Weitere zehn haben kleine Kinder, die sie weiterhin zu Hause betreuen müssen und die zum Teil Sonderurlaub beantragt haben. Das ist bei unserer Größe eine überschaubare Gruppe. An anderen Schulen sieht das deutlich schlechter aus.

Wilkening: Am Andreanum ist von 80 Lehrern etwa ein Viertel in der Gruppe 60 Plus. Von diesen hat aber noch keiner darum gebeten, weiterhin von zu Hause unterrichten zu dürfen. Sie glauben es vielleicht nicht, aber viele haben richtig Sehnsucht, wieder in den Schulalltag zurückzukehren!

Interview: Sara Reinke

 Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 24.04.2020