„Ich kann es verstehen, wenn Familien sich jetzt vernachlässigt fühlen“

Interview TonneKultusminister Grant Hendrik Tonne über digitalen Unterricht, Homeschooling und Corona 

Alle Schulen Deutschlands sollen vom Digitalpakt Schule profitieren. Bundesweit stehen hierfür 5 Milliarden Euro zur Verfügung, niedersachsenweit sind es – mit einer Aufstockung des Landes – 522 Millionen Euro. Die Schulen müssen das Geld beim Land beantragen. Kultusminister Grant Hendrik Tonne ist seit einigen Wochen auch damit beschäftigt, die Bewilligungsbescheide zu verteilen. Am Donnerstag übergab er in Hildesheim dem Evangelischen Schulwerk der Landeskirche Hannovers Bescheide über zusammen fast 100 000 Euro. Der Löwenanteil landet in Hildesheim: Das Andreanum erhält mehr als die Hälfte des Geldes, um damit große 86-Zoll-Bildschirme, sogenannte E-Sceens, anzuschaffen. Die HAZ sprach am Rande der Übergabe mit dem Minister über digitales Lernen und Homeschooling, unzufriedene Eltern und ab wann die Schüler wieder zurück an den Schulen sein könnten.

Herr Minister, sie touren durch das Land und verteilen viel Geld aus dem Digitalpakt. Aber die Schüler kehren ja inzwischen nach und nach wieder an die Schulen zurück. Wäre es nicht besser gewesen, wenn manche von ihnen das Geld schon vorher bekommen hätten? Zumindest bedürftige Schüler, während der Unterricht komplett ausgesetzt war?

Der Digitalpakt ist nicht als Reaktion auf Corona eingeführt worden, sondern schon vorher angelegt. Und man muss ganz klar sagen, dass das Lernen von zu Hause nicht gleichzusetzen ist mit Lernen mit digitalen Medien. Wir haben das Lernen von zu Hause sehr bewusst so angelegt, dass es auf unterschiedliche Art und Weise möglich ist. Wer kein Endgerät und keine E-Mail-Adresse hat, dem können die Unterlagen etwa postalisch zugestellt oder telefonisch aufgegeben werden.

Aber wenn Schüler an einer digitalen Klassenkonferenz teilnehmen wollen, benötigen sie ein Endgerät. Haben sie es nicht, können sie nicht teilnehmen.

Das ist richtig, aus diesem Grund haben wir unterschiedliche Möglichkeiten geschaffen, hier für den Einzelfall für Abhilfe zu sorgen. Schülern, die davon betroffen waren, hat man zum Beispiel ermöglicht, in die Schulen zu kommen und von hier aus an Konferenzen teilzunehmen. Andere schalten sich per Telefon dazu. Aber wir wollen da nicht stehen bleiben, sondern all das weiterentwickeln. Insbesondere dafür ist der Digitalpakt ja aufgelegt worden.

Was mich erreicht, klingt oft anders. Ein Vater schilderte vor diesem Termin aufgebracht, dass er es nicht verstehe, dass er selbst zehn Videokonferenzen pro Tag habe, sein Sohn aber, ein Sechstklässler an einer Hildesheimer Privatschule, nur einmal pro Woche überhaupt etwas von der Schule höre. Viele Eltern beschreiben, dass der Kontakt zwischen Schüler und Schule ganz schlecht funktioniert.

Wir haben gesagt, es muss ein Mindestmaß an Kontakthalten geben. Die Lehrkräfte müssen verpflichtend einmal pro Woche Kontakt aufnehmen. Aber es gibt aber auch die umgekehrte Möglichkeit. Schüler und ihre Eltern können sich jederzeit an die Lehrer wenden. Sie sind ansprechbar. Das Kontakthalten wird sicherlich unterschiedlich gehandhabt. Aber ich kann auch jede Menge Gegenbeispiele nennen und bin mir sicher, dass sich die allermeisten Lehrkräfte engagiert um ihre Klassen kümmern.

Gibt es denn Unterricht? Viele Eltern berichten, dass gar kein Unterricht stattfindet.

Man darf den Präsenzunterricht an Schulen nicht mit dem Lernen von zu Hause vergleichen. Die Vorgabe ist nicht, den Unterricht eins zu eins nach Hause zu tragen, sondern die Themen zu wiederholen, zu festigen, zu vertiefen. Dazu ist auch nicht angedacht, den ganzen Unterricht ins Internet zu verlagern.

Also würden Sie sagen, Homeschooling funktioniert?

Es ist kein Eins-zu-eins-Ersatz für normalen Unterricht. Aber unter den Bedingungen, unter denen wir es eingeführt haben, funktioniert es. Wir werden zudem auswerten, was geklappt hat und was nicht, um daraus notwendige Schlüsse zu ziehen.

Die Lehrergewerkschaft GEW kritisiert, dass die Lehrer viel zu wenig auf die jetzige Situation vorbereitet sind. Sie wollen Homeschooling machen, können es aber nicht, weil sie technisch gar nicht dazu in der Lage sind. Halten Sie es für denkbar, dass an dieser Stelle irgendwann Schüler ihre Lehrer ausbilden?

Die Behauptung ist mir zu Schwarzweiß. Natürlich gibt es Lehrer, die eine Distanz zu neuen Medien haben. Und andere, die vielleicht auch weniger dazu bereit sind. Aber ich erlebe auch Lehrkräfte, die sich hier mit erheblichem Engagement einsetzen. Jedes Jahr nehmen übrigens 20 000 Lehrer an Fortbildungen teil, die sich mit Digitalen Medien befassen, vom Einsteiger bis zu vertieften Inhalten.

Kinderpsychologen weisen darauf hin, dass viele Kinder jetzt vernachlässigt werden. Dass sich alles an der Situation der Eltern orientiere, oft der wirtschaftlichen. Werden Kinder an dieser Stelle fallengelassen?

Auch hier gibt es nicht die pauschale Antwort für alle Kinder. Ich denke, dass wir stets die bestmöglichen Entscheidungen treffen, die das Infektionsgeschehen zulassen. Aber ich wünschte mir manchmal eine andere öffentliche Schwerpunktsetzung. Ich kann es verstehen, wenn Familien sich jetzt vernachlässigt fühlen, wenn sie miterleben, wie über die Öffnung von Biergärten oder Fitnessstudios oder die Wiederaufnahme von Fußballspielen mehr diskutiert wird als über die Frage, was man denn für Familien machen kann. Familien haben eine hohe Belastung. Auch deshalb sollen alle Kinder so schnell wie möglich zurück in die Schulen und Kitas.

Ab wann wäre der Zeitpunkt erreicht, um zurück zum Regelbetrieb zu kommen?

Wir hätten ihn gern für das nächste Schuljahr. Aber das ist keine alleinige Entscheidung des Kultusministeriums, hier werden wir uns eng mit dem Gesundheitsministerium abstimmen. Das Corona-Virus ist ja nicht weg. Der Erfolg unserer Maßnahmen ist da gleichzeitig die größte Gefahr. Wir müssen unseren Erfolg schützen. Abstand halten, Hygieneregeln einhalten sind nach wie vor die Garanten dafür, dass wir weitere Lockerungen vornehmen können. Je mehr Menschen sich daran halten, desto günstiger wird die Entwicklung für uns alle verlaufen.

Interview: Christian Harborth

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 05.06.2020