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Endlich geschafft - ab dem 18.12.2020 darf sich das Andreanum offiziell 'Fairtrade School' nennen. Ein positiver Abschluss für das Jahr. Eine digitale Feier soll im Frühjahr stattfinden, seid gespannt!

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Zu viel Plastik-Müll in den Meeren – und was die Innerste bei Hildesheim damit zu tun hat

Plastic Pirates 16.6.21Zu viel Plastik im Wasser ist ein globales Problem. Aber es beginnt oft vor der eigenen Haustür, wie die „Plastic Pirates“ des Andreanums am Dienstag an der Innerste festgestellt haben.

 

Von Christian Harborth

Rashid zieht unterhalb der Bischofsmühle eine alte Plastiktüte aus dem Schlick der Innerste. Sie wird jetzt an der Uni Kiel untersucht.                                     Foto: Clemens Heidrich


Jonas zieht am Eselsgraben das kleine Schleppnetz aus dem Wasser und kippt den Inhalt auf die Hand von Bio-Lehrer Florian Teigeler. Auf den ersten Blick kann man Blätter, Algen und Schlingpflanzen sehen. Aber da ist noch mehr. Beim genauen Betrachten taucht auch ein winziger weißer Punkt inmitten des üppiges Grüns auf. „Das sieht mir wie ein kleines Stück Plastik aus“, sagt Teigeler. „Das schauen wir uns nachher in der Schule unter dem Binokular mal genauer an.“ Dann kommt alles wieder zurück ins Netz. Und das Netz zurück in den Eselsgraben, der an dieser Stelle in die Innerste fließt. Es soll noch mindestens eine halbe Stunde Schwebeteilchen aus dem Wasser filtern.

 

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Teigeler, sein Schüler Jonas und zwei Dutzend weitere Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Andreanum sind Dienstagfrüh in zweifachem Auftrag an der Innerste unterwegs: Ihr Einsatz dient der Wissenschaft, denn ihre Ergebnisse schicken sie am Ende an eine Forschungswerkstatt der Uni Kiel, die derzeit zentral ermittelt, wie viel Plastikmüll sich in Deutschlands Gewässern befindet. Gleichzeitig tun die Achtklässler etwas für den Naturschutz, denn am Ende schleppen die Mädchen und Jungen den Müll gleich säckeweise mit zur Schule.

Der Einsatz etwas unterhalb der Bischofsmühle hat etwas von einem Umwelttag, bei dem Bürger einmal im Jahr gemeinsam ihre Ortsteile aufräumen. Und in der Tat ist die Gruppe des Wahlpflichtkurses Naturwissenschaften am Dienstag Teil von etwas viel Größerem.

Deutschland, Portugal und Slowenien setzen sich während ihrer gemeinsamen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union besonders für saubere Meere, Fließgewässer und gewässernahe Natur ein. Zeitgleich sind Schulklassen und Jugendgruppen deshalb aufgerufen, Plastikmüll an den Ufern von Flüssen und Bachläufen zu sammeln, die verschiedenen Arten des gesammelten Plastikmülls an unterschiedlichen Stellen eines Flussabschnitts zu dokumentieren – und durch all dies Teil einer europaweiten Forschungsgruppe zu werden.

 

18.000 Plastic Pirates„Citizen-Science-Aktion“ wird diese Zusammenführung von Erkenntnissen auch genannt: Bürger tragen im Dienste der Wissenschaft an vielen Stellen Informationen zusammen. „Bis Ende Mai hatten 135 Schulen, Jugendgruppen und Vereine aus ganz Deutschland die Mikroplastiknetze bestellt“, sagt Anastasia Schmaljuk, Sprecherin der „Plastic Pirates – Go Europe!“. Schon 2016 bis 2020 hatten Gruppen in ganz Deutschland teilgenommen. Die Ergebnisse sollen am Ende veröffentlicht werden.

 

„Plastic Pirates“ ist so etwas wie der kollektive Kampfname der Tausenden Menschen, die gleichzeitig daran mitwirken, dass der Plastikmüll in Flüssen, Seen und Meeren weniger wird. Hinter dem Naturschutzprojekt steht unter anderem das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung. Aber auch viele weitere Behörden sowie Partner.

Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Andreanum haben sich am Dienstag in vier Gruppen aufgeteilt. Rashid gehört zu derjenigen, die den Müll am Ufer sammelt. Der 15-Jährige kraxelt über die Ufersteine und hat innerhalb kürzester Zeit eine Schuheinlage, einen Plastikbecher, ein Einwegfeuerzeug, mehrere Kronkorken und eine alte Plastiktüte beisammen. „Ich glaube, an dieser Stelle der Innerste wird wohl gern gefeiert“, kommentiert Lehrer Teigeler sarkastisch.

Die Tüte steckt tief im Schlick fest. Rashid muss ordentlich ziehen, um sie herauszubekommen. Vermutlich war der Zersetzungsprozess schon in vollem Gange. Laut Naturschutzbund (Nabu) braucht eine solche Tüte mindestens 20 Jahre, bis sie sich zersetzt hat, ein Viertel eines Menschenlebens. Und verglichen mit anderen Gegenständen aus Kunststoff ist das sogar noch schnell: Eine Wegwerfwindel oder eine Plastikflasche benötigen hierfür jeweils 450 Jahre. Eine Angelschnur sogar 600.

 

45 Plastic PiratesUnd wirklich weg sind diese Gegenstände anschließend auch nicht. Höchstens für das normale Auge nicht mehr sichtbar. „Eine Tüte löst sich in Mikroplastik-Teilchen auf und gelangt zurück in den Nahrungskreislauf“, sagt Dieter Goy, stellvertretender Vorsitzender des Nabu-Kreisverbands Hildesheim.

Wer am Eselsgraben seine Zigarettenkippe leichtfertig ins Wasser schnippt oder den Kronkorken einer leeren Flasche am Ufer liegen lässt, ahnt vielleicht in dem Moment oft nicht, dass er nicht nur seine Umgebung vermüllt, sondern mitunter dazu beiträgt, die Flüsse, Meere und Ozeane zu verschmutzen. Und dass er damit gleichzeitig einen Teil seines eigenen Essens verseucht.

Denn die winzigen Plastikteilchen aus dem Eselsgraben fließen in die Innerste, dann landen sie in der Aller, später in der Weser – und schließlich in der Nordsee. Dort werden sie mitunter von Fischen aufgenommen, die vielleicht irgendwann und irgendwo auf einem Teller landen. Goy glaubt, dass nach wie vor generell zu viel Plastikteile für unnötige Produkte produziert würden. „Und gleichzeitig wird noch ein wertvoller Rohstoff verschwendet“, meint er.

 

An der Innerste haben Sarah, Ilvy und Josephine nach einer Stunde einen ganz guten Überblick darüber, was hier am Ufer so alles landet. Sie haben neun Plastiktüten vor sich liegen, jede gefüllt mit einer anderen Art Müll. „Meistens sind es Zigarettenkippen und Glasscherben“, sagt Sarah. Allein das in ihrem Abschnitt zusammengesuchte Glas bringt 1,9 Kilogramm auf die Waage. Die drei sammeln auch Papier, Pappe und Styropor einzeln. Am Ende wird alles gewogen, dokumentiert und in die Forschungswerkstatt nach Kiel geschickt.

Hier landen dann auch die Schuheinlage, die Zigarettenkippen, eine halbvolle Frischkäseverpackung, zahlreiche Flaschen und all der andere Unrat, der sich jetzt schon nicht mehr auf den Weg in Richtung Nordsee machen kann. Die „Plastic Pirates“ haben die Marschrichtung ausgegeben, die Ufer von Flüssen und in Gewässernähe zu untersuchen. Einen kleinen Teil der Innerste haben die Mädchen und Jungen des Andreanums jetzt bereits gekapert.

 

Text und Foto: Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 16.06.2021