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Der Schulträger

Elf Mädchen im Aufwind

Elf Mädchen 24 06 2017Elisa und ihre Mitschülerinnen vom Andreanum sind einem Kriminalfall auf der Spur. Auf Borkum sollen sie das Rätsel um vergiftete Seehunde lösen. Informatiker Dirk Blume hat es sich ausgedacht – um die Mädchen für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern.

Über Borkum wabert Seenebel. Aber „Emden meldet schon „broken“, sagt Dirk Blume, „das heißt, es gibt Löcher“. „Luftlöcher?“, ruft ein Mädchen erschrocken. „Nein, in der Wolkendecke“, sagt Blume. Der 55-Jährige leitet das Projekt „Sky-Girls“. Ein halbes Jahr lang hat er mit Schülerinnen des Andreanums gepaukt, der Flug nach Borkum ist das große Finale des Projekts. Der Informatiker wird das Tempo anziehen müssen, heute Abend schon soll die Truppe wieder zurück auf Hildesheimer Boden sein.

„Sky-Girls“ ist ein MINT-Projekt. Als MINT werden Fächer und Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik bezeichnet. Weil in diesen Bereichen Mädchen und Frauen nach wie vor seltener vertreten sind als Jungen und Männer, will Blume das Interesse möglichst früh wecken.

Die elfjährige Arlene Jansen und ihre zwölfjährige Freundin Tu Anh Ninh haben allerdings vorerst andere Probleme, als Seenebel und Luftlöcher „Ihh, du hast überall Käfer in den Haaren. Die denken, wir sind Blumen. Ich tu’ einfach so, als wäre ich ein Baum. Ich bin ein Baum, ich bin ein Baum“, sagt Arlene und bleibt wie angewurzelt neben der Cessna stehen. Dass sie gleich mit Propellermaschinen nach Borkum fliegen – kein Thema.

Den Kontakt zur Insel hält Projektleiter Blume. Die Mädchen nennen ihn „Blümchen“. Er ist kein Lehrer, sondern Informatiker. „Ich fühle mich gestraft damit, in einem fast ausschließlich männlichen Umfeld zu arbeiten“, sagt er. Dabei würden soziale Kompetenzen – zum Beispiel bei der Entwicklung menschenähnlicher Roboter – immer wichtiger werden. Da hätten die männlichen Kollegen öfter Schwächen als Frauen. „Dafür haben einige unglaubliche Stärken im Bereich der Analytik.“ Für die Entwicklung aber komme es vorwiegend auf neue Ideen an, auf Kreativität. „Gemischte Teams sind generell deutlich effizienter“, sagt Blume.

Der Nebel über Borkum hat sich gelichtet. „Es kann losgehen. Die Papa Fox fliegt als erste“, so Blumes Ansage. Mit vier Fliegern geht es auf die Insel. Eine Cirrus, eine Piper und zwei Cessnas. Blume fliegt die Cirrus selber und hat drei weitere Piloten vom Aero-Club für das Projekt begeistert. Peter Balder bringt die Tango Golf, eine der Cessnas, auf die Insel. Mit an Bord: Arlene und Tu Anh. Die zwei kennen sich aus einem früheren, „aber langweiligen“ Projekt, wie Arlene sagt – Thema: Die Geschichte des Andreanums. Langeweile kommt an diesem Tag nicht auf. Kaum ist der Flieger in der Luft, haben die beiden nur noch Augen für die Aussicht und ein Lächeln auf den Gesichtern, das nicht aufhören mag. „Alles klar?“, fragt der Pilot über die Kopfhörer. „Ja“ und wildes Kopfnicken sind die Antwort.

Als die Tango Golf Borkumer Boden berührt, wartet der Rest der Gruppe schon. Blume und die anderen Piloten stehen neben einem Hänger. „Los, Fahrrad aussuchen, Helm auf“, sagt Blume. Es gibt keine Zeit zu verlieren. Rund um den Trip hat sich Blume eine Geschichte ausgedacht. Die „Sky-Girls“ sollen Seehunde retten. Böse Menschen, so Blumes Drehbuch, haben Giftköder ausgelegt. Wo diese Köder liegen, haben die Mädchen im Kurs ausgerechnet. Außerdem haben sie die Flugroute von Hildesheim nach Borkum auf Karten eingezeichnet, einen Crash-Kurs zum Co-Piloten absolviert. „So, wo müssen wir hin?“, fragt Blume, „was habt ihr ausgerechnet?“ „Zum Supermarkt“, sagt eine. Richtig. Und ab geht’s hintereinander her über die Insel, „Blümchen“ und seine Mädchen als Drahtesel-Herde.

Der selbstständige Entwickler Blume hat zwei Töchter großgezogen. Eine studiert ebenfalls Informatik und macht in Cuxhaven ihren Master. Die andere besucht die zehnte Klasse und schreibt beste Noten. „Ich versuche, ihr beizubringen, dass einem nicht immer alles gelingt, dass das auch dazu gehört.“

Nicht ganz gelingt dann auch die Überraschung am Supermarkt. Blumes alter Schulfreund und Borkumer Frieder Grävemeyer ist dazugekommen. Er taucht auch schon in Blumes Geschichte auf, die die „Sky-Girls“ das Halbjahr lang begleitet hat – als Tippgeber. Und er trägt den Mädchen auf, nach dem versteckten Heilmittel für die Seehunde zu suchen. „Das ist hier ganz in der Nähe“, sagt er. Die Mädchen schlagen sich in die Büsche. Ein paar Augenblicke später reckt ein Arm einen orangenen Koffer in die Luft: „gefunden.“

Drin sind auf den ersten Blick vor allem Süßigkeiten. „Tolle Medizin“, sagt Merta Persson enttäuscht, die als erste über dem Koffer kniet. „Guck mal, da ist noch mehr.“ Nach und nach kommt Spielzeug zum Vorschein. Hier endet die Geschichte und damit das Projekt. Aus den „Sky-Girls“ auf Mission werden spätestens jetzt einfach nur elf Mädchen auf Borkum. „Dürfen wir das überhaupt nehmen?“, fragt Merta.

Dürfen sie. Aber erst ist Mittagessen angesagt. „Jetzt geht es zur Promenade – los.“ „Mein Sattel ist ganz hart“, sagt die zehnjährige Lena Herbrich. „Ist nicht weit. Sonst guck, ob du jemand findest, den das weniger stört“, sagt Blume. Die einzige Beschwerde an diesem Tag verfliegt im Fahrtwind.

Es gibt Pommes, Burger, Nudeln, für jede, was sie will. „Dürfen wir schwimmen gehen, wenn wir aufgegessen haben?“ „Klar“, sagt Blume.

Extra zahlen müssen die Schüler für die Projektteilnahme nicht. Blume sucht Sponsoren, legt vorerst aus eigener Tasche vor. Bei dem Thema wird er schmallippig, auch aufs Foto will er ungern. Es geht ihm um das Projekt.

Arlene kommt im rosa Bikini vom Wasser zurück. Neben ihr steht Tu Anh in lila Jacke. „Ich habe den Drachen auf dem Gepäckträger vergessen“, sagt Tu Anh, „hoffentlich hat den keiner geklaut.“ Drache da, alle beschäftigt, nur an die Seehunde hat keiner mehr so recht gedacht. Die dümpeln ein paar Meter weiter auf ihrer Bank herum. Grävemeyer und Blume gucken einmal durch den Spieker. Eindeutig Seehunde. „Können wir noch Andenken kaufen gehen?“ Elisa Stoffels blickt in unver- ständige Gesichter. „Na, wenn ihr unbedingt wollt.“ Ein paar Minuten später wühlen sich 22 Mädchenhände durch Stofftierhaufen in Weidekörben. „Also auf die Idee wäre doch ein Junge nie gekommen“, sagt Grävemeyer. „Ja, Shoppen gehen“, sagt Blume etwas ungläubig.

Aber der Informatiker sieht es gelassen. „Hauptsache, wir haben einmal vor der Pubertät ein Grundinteresse geweckt“, sagt er, bevor es nur noch um Äußerlichkeiten geht, von denen sich später wieder zu verabschieden gerade Mädchen immer noch schwergemacht wird.

Es ist spät geworden. Bis zum Rückflug bleibt noch eine gute Stunde, Grävemeyer füllt sie mit einem Schnelldurchlauf dessen, was da zu entdecken ist auf dieser Insel. Das Walskelett, der alte Leuchtturm und der Friedhof. Beim Skelett stehen die Münder offen, aber jetzt schnell weiter zum Flughafen, Hildesheim ruft.

Der Flughafen interessiert besonders Elisa. Sie möchte Pilotin werden, wie der Vater. Damit ist sie in der Gruppe ziemlich allein. „Ich will mal was mit Tieren machen, Blindenhunde trainieren oder so“, sagt Merta. „Was mit Tieren“ liegt in der Gruppe im Trend. Lena hingegen hat eine ziemlich konkrete Vorstellung: „Zahntechnikerin. Da kann man Gebisse und Abdrücke machen.“ Charlotte Hoppe schwankt noch zwischen Anwältin und Künstlerin, und dann kann man es natürlich auch machen wie Tu Anh: „Das überlasse ich dem Zufall“, sagt die Zwölfjährige. Arlen hingegen, hat schon was mit Naturwissenschaften im Kopf. Allerdings eher im übertragenen Sinne. Sie will Autorin werden – für Science-Fiction-Romane.

Das Projekt „Sky-Girls“
Ein Schulhalbjahr lang haben elf Schülerinnen des 5. und 6. Jahrgangs am Andreanum unter Leitung von Informatiker Dirk Blume gelernt und gerechnet. Eine fiktive Kriminalgeschichte um Giftköder vor Borkum bildete dabei die Rahmenhandlung. Die Gruppe hat sich einmal in der Woche und an zwei Samstagen im Aero-Club am Flugplatz getroffen. Es ist bereits das zweite Projekt von Blume. Im nächsten soll es um selbstfahrende Autos gehen.

Einen Video-Clip von den „Sky- Girls“ auf Reisen finden Sie im Internet unter www.hildesheimer-allgemeine.de/mediathek

Celia Borm

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 24.06.2017