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Der Schulträger

„Nicht immer die Fragen umdrehen“

Foto Podiumsdiskussion Bundestagswahl AndreanumPolitikinteressierte Schüler des Andreanums diskutieren mit Bundestagskandidaten

Von Christian Harborth

Hildesheim. Nach etwas mehr als einer Stunde platzt dem Gymnasiasten der Kragen. „Sie müssen nicht immer die Fragen umdrehen und dann sagen, dass es sich um ein sehr komplexes Thema handelt“, erklärt Oberstufenschüler Paul und weicht keinen Millimeter vor den eisigen Blicken zurück, die ihn sofort vom Podium herab treffen.

Im Grunde war es um ein vergleichsweise belangloses Thema gegangen: den Medizinstudium- Masterplan 2020, den damit verbundenen Numerus Clausus und den Ärztemangel auf dem Land. Doch die Podiumsdiskussion am Dienstag im Telemannsaal des Andreanums zeigt, dass mitunter Welten zwischen den Antworten liegen, die Politiker meistens finden – und denen, die sich junge Leute von ihnen eigentlich wünschen.

Das Störgefühl dürfte für manchen schon mit dem Podium als solchem angefangen haben. Das Moderatoren-Trio um Politiklehrer Jörn Surborg und die Vertreter der Parteien „thronen“ in dem kleinen Saal über den politikinteressierten Elft- und Zwölftklässslern. Für etwas Auflockerung sorgen da lediglich die beiden Simultan-Dolmetscherinnen, die unten für einen gehörlosen Schüler in der ersten Reihe übersetzen.

Ansonsten finden Ute Bertram (CDU), Bernd Westphal (SPD), Ottmar von Holtz (Grüne), Henrik Jacobs (FDP) und Norbert Hüter von der AfD vor allem Antworten, die man auch erwartet. Aber mit denen viele junge Menschen eben kaum etwas anfangen können. Etwa, dass Bildung der wirksamste Schutz gegen spätere Altersarmut ist, dass nicht die Herkunft über den Bildungsstand entscheiden darf oder dass in Deutschland im Prinzip jeder Mensch über die Grundsicherung abgesichert ist. Das mag sein. Aber schon auf ihrem Weg durch die Fußgängerzone bekommen die angehenden Akademiker jeden Tag Bettler und Flaschensammler zu sehen. Also Menschen, bei denen es augenscheinlich doch nicht reicht. Also haben sie Fragen, die zumindest gestern niemand beantwortet.

Noch mehr als das Thema Bildung geht vielen Schülern derzeit das Thema Flüchtlinge nahe, das bekommt vor allem AfD-Mann Hüter zu spüren. Hatte Westphal zuvor noch davon gesprochen, dass es Deutschland „gut stehe“, wie es sich in der Flüchtlingskrise verhalten habe, forderte Kreistagsmitglied Hüter, der als einziger Teilnehmer der Diskussionsrunde kein Kandidat für den Bundestag ist, „Nullwachstum beim Zuzug“, neue Vereinbarungen zur Unterbringung von Flüchtlingen mit der Türkei und die scharfe Prüfung, wer tatsächlich verfolgt sei – und wer lediglich seinen Lebensstandard verbessern will. Von Schülerseite bringt ihm das umgehend den Vorwurf ein, an dieser Stelle zu oberflächlich zu argumentieren.

Weil niemand aus der Politikerriege darauf verzichten wollte, zu jedem Thema eine Stellungnahme
abzugeben, rannte am Ende wie so oft in solchen Fällen die Zeit davon. Nach zwei Stunden gingen alle auseinander. Und nicht wenige Schüler verließen den Saal mit mehr Fragen, als sie mitgebracht hatten.

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 09.08.2017