Andreaskreuz 170

Aus der Galerie

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Der Schulträger

Gedenken wider die Gleichgültigkeit

Dora kleinerQ2-Geschichtskurse des Andreanum besuchen KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora


Unser Bus fährt durch eine idyllische, sonnige Landschaft im Harz in Richtung Nordhausen/Thüringen. Er ist gefüllt mit Schülerinnen und Schülern aus zwei Q2-Geschichtskursen. Gemeinsam mit unseren Lehrern Herrn Stender und Herrn Surborg sind wir auf dem Weg zur Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Dass hier einmal ein Konzentrationslager mindestens 6000 Menschen das Leben gekostet hat, kann man sich bei dem schönen Wetter gar nicht vorstellen.

Aber auch die Gestaltung der Gedenkstätte lässt auf den ersten Blick nicht direkt auf das Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers schließen. Ein schlichtes, modernes Gebäude beherbergt die Rezeption und die sanitären Anlagen. Von den Baracken, in denen ein großer Teil der Häftlinge untergebracht war, die zumeist Bauarbeiten ausführen mussten, ist nur eine wiederaufgebaut worden. Hier befinden sich heute einige Seminarräume. Ansonsten blickt man auf eine freie Fläche, unbebaut, wie sie die Bewohner der Umgebung zurückließen, als sie die Baracken für den Wiederaufbau der stark zerbombten Stadt Nordhausen abbauten. Einzig der damalige Apell_platz und Reste der Gedenkstätte der einstigen DDR sind zu sehen. Man will die Vergangenheit nicht aufleben lassen, ihrer aber gedenken, so lautet die Philosophie der Gedenkstätte Konzentrationslager Mittelbau-Dora.

Unser Besuch bestand konkret aus der Besichtigung des Lagergeländes, des Krematoriums und des Stollens, in denen zunächst die Häftlinge auch wohnen und in 12-Stunden-Schichten an der Fertigstellung von V2 Raketen arbeiten mussten.

Vorgelagert zum Krematorium findet man die erste Gedenktafel „Ehrenmal der Nationen“ und ein Denkmal aus der DDR-Zeit.  Der Gang durch das Krematorium selber ist beklemmend und eigenartig. Wer aus welchem Grund dort die Wände mit Blumen bemalt hat, ist nicht bekannt. Sie sind ein grausamer Gegensatz zur eigentlichen Nutzung des Gebäudes. Hier ließen die Nazis Häftlinge zusammen, und damit entgegen der ursprünglich von ihnen selbst verabschiedeten Gesetzte,  nicht einäschern, sondern verbrennen, nachdem diese dem Kampf gegen die unmenschlichen Bedingungen der Lager erlegen waren. Wohin die Asche danach kam, wird hinter dem Krematorium beantwortet. Ein erst 2013 errichtetes Denkmal in Form von Steinen weist darauf hin, dass die Asche einfach hinter dem Haus „entsorgt“ und den Hügel herabgekippt wurde.

Auch die Besichtigung des Stollens im Berg ist bedrückend. Wenige Glühlampen leuchten den Weg spärlich aus und die Temperaturen gehen gefühlt gegen Null. Die Besucher-Galerie wurde über den Schutt gebaut, den die Sowjets nach einer fehlgeschlagenen Sprengung nach Kriegsende zurückließen. Zuvor hatten nacheinander erst die Amerikaner, dann die Sowjets alle relevanten Teile zur Raketenherstellung mitgenommen. Man kann Bauteile für die Raketen erkennen, Verankerungen für die mehrstöckigen Hochbetten, Reste von Schienen. Weiter hinten stehen die Stollen drei Meter tief im Grundwasser, das den Schutt unter sich begräbt. Die Lebenserwartung der hier beschäftigten Häftlinge lag bei drei Wochen, ob die Nazis den Tod durch Arbeit wollten oder diesen nur billigend in Kauf nahmen, bleibt unter Historikern umstritten. Notdürftige sanitäre Anlagen, harte Arbeit, dauerhafte Lärmbelastung, Vitamin D Mangel, ansteckende Krankheiten […] entzogen den ohnehin geschwächten Arbeitern die letzten Kräfte. Wie die Zivilarbeiter dabei wegsehen, sogar mitmachen konnten, kommt uns unvorstellbar vor, doch die Frage, ob wir es anders gemacht hätten, können auch wir schlimmerweise nicht eindeutig beantworten.

Unser Besuch endete mit einem Zusammenschnitt von den Aufnahmen, die die Amerikaner bei der Befreiung des Lagers 1945 machten. Vieles erinnert an den Besuch des Lagers Bergen-Belsen, bei dem die Amerikaner ebenfalls schreckliche Aufnahmen nach der Befreiung machten, doch an der Grausamkeit der Bilder ändert das nichts.

Auf der Rückfahrt durch die spätsommerliche Landschaft des Harz bleibt ein dumpfes Gefühl zurück, das Geschehene  nicht wirklich fassen zu können, und gleichzeitig die Frage, ob man es als eine der vielen wissenden Personen besser gemacht und etwas dagegen unternommen hätte.

Dora Karoline Borcholt

Ausführliche Informationen zur Gedenkstätte KZ Mittelbau Dora gibt es unter www.buchenwald.de

Foto: Querstollen im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Bis 1944 war in diesem Bereich zugleich die Häftlingsunterkunft untergebracht.
Bildnachweis: Foto: Claus Bach, mit freundlicher Genehmigung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora als Teil der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (Rechteinhaber).