Andreaskreuz 170

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Der Schulträger

Countdown für die Luther-Projektwoche oder einfach nur PP: Probepilgern ….

IMG 0732Die Projektwoche wirft ihre Schatten voraus....

 

Heute Morgen ist Superwalkwetter, klar, frisch und windig, dabei sonnig: Seewetter. Ich habe an diesem Wochenende einiges vor, viel hinter mir: Gestern haben Carina Heidkamp, Jan Stender und ich vier Stunden lang an der Auswertung der Projektwahlen gearbeitet: Viel Schufterei und dabei doch das mulmige Gefühl, keinem so richtig gerecht zu werden, es keinem recht machen zu können. Heute habe ich die Qual der Wahl – Haushalt, Unterrichtsvorbereitung oder stöbern in meinem Lieblingsladen, lesen oder schwimmen … oder probepilgern. Diesen Teil der Vorbereitung meines Projekts schiebe ich schon länger vor mir her, irgendetwas stimmt immer nicht: Das Wetter, der zeitliche Rahmen, die Begleitung. Ich vermeide das an sich Unvermeidliche: ein Probegehen meiner Pilgerstrecke der Projektwoche auf der via scandinavica von Ahrbergen nach Hildesheim.

 

 

 

IMG 0775Irgendwie spüre ich jetzt den Kairos, den Moment, den die antiken Griechen als optimalen Zeitpunkt für ein Ereignis erkennen: Es geschieht etwas genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort unter optimalen Bedingungen, na gut: Heute scheint der Kairos gekommen für meine Probewanderung.

Beim Frühstück taste ich mich vorsichtig vor: Ob mich jemand nach Ahrbergen fahren könne, es führen samstags keine Busse (habe ich natürlich gar nicht erst nachgeprüft) – mein Mann ist dazu bereit. Meine Tochter versuche ich mit 10,-€ zum Mitkommen zu bewegen (naja, zu bestechen), aber sie hat keine Lust – will tatsächlich lieber Bücherkisten packen, weil sie sich damit auf den Weg ins letzte Schuljahr nach Süddeutschland machen will.

Ich halte den Ball flach und beschließe, meine Walkklamotten gleich anzulassen – ein richtiger Pilgerer zieht sich auch nicht alle drei Stunden neu an …. und packe meinen Pilgerrucksack: Eigentlich ist die Strecke nicht wesentlich länger als ein Spaziergang einmal um Hildesheim herum, aber ich habe das Gefühl, mit einer Ausrüstung starten zu müssen: Regenjacke, Jacke, Proviant, meine supercoole (Urteil meiner älteren Tochter: Ist ganz ok) neue Sonnenbrille und natürlich meine beiden Flaschen: Eine mit Wasser und die andere mit meinem Lieblingsallheilmittel gegen alle Widrigkeiten des Lebens, Autan (gegen Mücken und Zecken).
So richtig Lust habe ich immer noch nicht. Etwas lahm steige ich in meine alpinen Wanderstiefel, und jetzt geschieht wie immer das Wunder: Ich merke, wie ich mit jeder Öse, um die ich das lange Schnürband winde, ein Mehr an Urlaubsstimmung gewinne, den Alltag hinter mir lasse. Also ins Auto und los. In Ahrbergen steige ich an der Bushaltestelle aus und schmeiße mir den Rucksack über: Eine Last fällt von meinen Schultern, ich gehe.

IMG 0723Nun suche ich den Jakobsweg nach Santiago de Compostela – kurz vor der Innerstebrücke stoße ich darauf (mit Unterstützung der freundlichen Dorfbevölkerung und meines kleinen via scandinavica-Führers), schlängele mich auf einem engen Pfad am Ufer entlang und sehe zum ersten Mal heute mein blau-gelbes Zeichen: Hier mitten in der Hildesheim-Sarstedter-Pampa, für mich an schlechten Tagen der Inbegriff der Bördeprovinz, leuchtet mir die Wegmarkierung des berühmtesten Pilgerwegs Europas entgegen, des Jakobswegs. Eine Ahnung steigt in mir auf, dass ich mich in einem vollkommen unbedeutenden Rahmen mit Zeit, Raum und wildfremden Menschen vernetze, die ähnliche Ziele verfolgen wie ich: Zwar pilgern vielleicht nicht schon Hunderte von Jahren Wanderer auf dieser Strecke nach Spanien, aber es gibt offenbar Menschen, die in größeren Zusammenhängen denken möchten, die die Vision haben, dass es völkerverbindende Wege gibt, die so lange Strecken überwinden können: Also könnte es ja auch Menschen geben, die derartige Grenzen überschreiten können und wollen.
Ich gehe weiter, nehme in der klaren Luft die umliegenden Ortschaften wahr. Diese Gegend kenne ich seit fast 20 Jahren wie meine Westentasche – aber vom Rad aus. Heute bin ich entschleunigt und kann mehr, sogar Neues sehen: Neben der altbekannten Marienburg fallen mir vor allem die Kirchtürme in den Blick, manche scheinen einander gegenüber zu stehen wie kleine Burgen – mir kommt in den Sinn, dass hier die Konfessionen u.U. von Dorf zu Dorf wechseln, Feindschaften zwischen den Nachbarorten auch über die religiöse Schiene ausgetragen werden: Ach ja, mein Thema - 500 Jahre Reformation. Ich weiß nicht, ob Ahrbergen oder Giesen eher katholisch oder evangelisch geprägt sind und mir persönlich war das auch nie besonders wichtig. Heute ist für mich aber bedeutsam, dass aus den kleinen Ortschaften im Morgenlicht die Kirchtürme herausragen und dem jeweiligen Ort einen Mittelpunkt verleihen, schon von Weitem eine Struktur schenken.
IMG 0729Meine Befürchtung, dass ich den Fahrradweg nach Hildesheim zurückgehen müsse, also der Straße folgen, bestätigt sich nicht: Hin und wieder einem Spaziergänger oder Radfahrer begegnend mäandert mein Weg an der träge fließenden Innerste entlang, immer auf Feld- und Wiesenwegen, kurz vor Giesen auch mal auf der Straße: An dieser Stelle meldet sich die besorgte Lehrerin in mir: Hier werden wir mit zwei 5. Klassen langgehen müssen – aber so richtig aus der Ruhe kann mich diese Aussicht nicht bringen, wird schon werden.

Ich bin entzückt über jeden Tausendfüßler, schaue mir die Ruhebänke entlang des Wegs genau an, halte Ausschau nach geeigneten Orten für die große PPP (Pilgerpinkelpause) - schwierig in dieser flachen, meist unbewaldeten Landschaft, aber auch das wird sich schon finden …. Zwischendurch lese ich in meinem Pilgerführer, habe schon über die Hälfte des Weges zurückgelegt und gestehe mir ein: Ich genieße diese Auszeit, die ja heute Morgen als Pflichtübung begonnen hat. Denn obwohl ich mich Hildesheim immer weiter annähere, habe ich das Gefühl, weit entfernt zu sein. Die Landschaft um mich herum hat nichts mit meinem Alltag zu tun, ich bin einfach unterwegs, und zwar zweckfrei. Sich dem Weg überlassen, loslassen und die eigene Kraft spüren: Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft. In Momenten und Stunden wie dieser weiß ich wieder, dass hier eine große Ruhe für mich liegt, ich bin ein Geher.
Aber Pilgern ist ja nicht nur Wandern: Manche bezeichnen es als Wandern+, wichtig sei neben dem kontinuierlichen Streckemachen aus eigener Kraft die spirituelle Erfahrung. Hier verspüre ich meine Grenzen: Ich liebe diese langsame, kontinuierliche Bewegung, die es mir ermöglicht, meine Gedanken schweifen, anhalten, sich konzentrieren, aber auch ablenken zu lassen – aber eine innere Verbindung zu einer höheren Macht (Gott?) verspüre ich nicht wirklich: Ich bleibe eher bei dem Erkennen eines tieferen Sinns, einer höheren Ordnung, die das Sein um mich gestaltet und bestimmt, aber ich bin weit entfernt von einer Gotteserfahrung, wie ich auch heute wieder einsehen muss.

IMG 0780Mit derartigen Gedanken nähere ich mich dem Haseder Busch, hier muss ich mich laut VS (so nenne ich mein kleines Büchlein inzwischen) immer links halten: Eine Markierung trägt dieser Weg (ist auch eher ein Matschpfad, wie ich schnell merke) nicht, da es sich hierbei um ein NSG (zu Deutsch: Naturschutzgebiet) handelt. Jetzt habe ich auch keine Zeit mehr für erhabene Überlegungen über Gott und die Welt, denn nun rächt sich mein Hochmut von heute Morgen: Ich habe mich nicht autanisiert (zu Deutsch: mit einer kleinen Autandusche versehen), meine persönlichen natürlichen Feinde sind aber Mücken, und die fallen innerhalb von Sekunden zu Hunderten (naja, mindestens 20) über mich her: Das Autan aus dem Rucksack zerren, den Schwarm um mich herum sowie mich selbst einnebeln, dabei den Feind mit der bloßen Hand erschlagen sind eins: Am Ende (also nach ca. 2 min) verzeichnet der Gegner ca. 300 Tote, aber ein Blick auf meine Arme und Beine lässt keinen Zweifel: ein Pyrrhussieg ….

Zum ersten Mal an diesem Morgen etwas missmutig setze ich meinen Weg fort und schlage mich dabei tapfer durch das Unterholz. Landschaftlich erscheint dieser Teil vollkommen unberührt und traumhaft schön (auch eine Vielzahl an Möglichkeiten für die große PPP, wie mein erfahrenes Lehrerauge sofort erkennt). Schließlich komme ich bei Steuerwald auf den altbekannten Fahrradweg von Giesen nach Hildesheim, das mit seinen Kirchen grüßt: Linkerhand die klare Silhouette des Andreaskirchturms, von rechts die Christuskirche.

Pilgern 01Ich pilgere weiter meinen Weg an der Innerste entlang, deren erst vor Kurzem überstandenes Hochwasserdesaster man noch gut erahnen kann: Stellenweise spült der Fluss sogar an diesem sonnigen Morgen sein Wasser auf meinen Weg. An der Bischofsmühle folge ich nicht der mittlerweile vertrauten Wegmarkierung weiter Richtung Diekholzen, sondern biege über die Innerstebrücke ab und gehe innerlich ganz ruhig und stillvergnügt den Hagentorwall hinauf zum Andreanum:
Gut gemacht? Ja, ich kenne jetzt die Route, dieser Teil meines Projektunterrichts ist also vorbereitet.

Nein, gut gemacht: Losgelassen. Für ein paar Stunden aus der Welt verschwunden und damit unerreichbar für andere. Einige Stunden allein und im Reinen mit mir selbst. Die Gedanken treiben lassen und mich nicht von ihnen getrieben fühlen. Mich dem Moment, dem Weg anvertraut. Ruhe und Gelassenheit erfahren.
Pilgern eben.

Annette Neubaur