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Der Schulträger

In der Ruhe liegt die Kraft

Schulhündin Emelie größerHunde führen Blinde, finden Verschüttete und beschützen Ängstliche. Aber sie können mehr: Zum Beispiel Unterricht beeinflussen. Schulhündin Emilie macht es am Andreanum vor.

Von Christian Harborth

Kopfrechenkampf im Andreanum. Klassenlehrer Matthias Aschenbroich schreibt die Startzahl an die Tafel. Die Schüler der 5L2 müssen im Kopf addieren, subtrahieren und multiplizieren. Nach dem Startsignal kehrt Ruhe in den Raum ein. Das sind die Momente, die Emilie gefallen. Der Labrador- Mischling liegt auf einer roten Decke und knabbert schläfrig an seiner linken Vorderpfote. Emilie ist so etwas wie der gute Geist des Gymnasiums. Nüchterner formuliert würde man sagen: Sie ist die Schulhündin.

 

Als solcher hat man jede Menge Privilegien. Wenn andere rechnen, kann man dösen. Man darf überall auf Leckerlis hoffen. Aber man hat auch eine wichtige Aufgabe: Emilie hat für eine entspannte Atmosphäre und gute Stimmung zu sorgen. „Ich glaube, wenn sie da ist, gehen die Kinder sorgsamer miteinander um“, sagt Klassenlehrer Aschenbroich.

Die Erfolge, die man mit Tieren in der Pädagogik und der Therapie erzielt, sind wissenschaftlich belegt. Nicht umsonst schaffen sich Heime für schwer erziehbare Jugendliche Lamas und Schweine an, denen sich die jungen Leute anvertrauen. Viele Altenheime bauen auf Hunde und Katzen, und sogar an der Universität Hildesheim streift eine Uni-Katze durch die Gegend. „Es ist immer ein besonderer Moment, wenn man sie auf dem Gelände trifft“, sagt Uni-Sprecherin Isa Lange.

Das ist bei Emilie am Andreanum ganz ähnlich. Wenn Aschenbroich mit der Hündin durch die Flure kommt, strecken sich viele Hände fast wie automatisch in Richtung des Tieres. Jeder will kraulen oder am Schlappohr zupfen. Das bedeutet aber nicht, dass auch jeder zum Zug kommt. Emilie entscheidet selbst, wer darf und wer nicht. Im Zweifelsfall macht sie einen Bogen.

Emilie stammt aus Russland. Aschenbroich und seine Frau haben sie als Welpen von der Mira-Hundehilfe Moskau übernommen. Der Verein setzt sich dafür ein, die Lebensbedingungen der Tiere in dem Riesenreich zu verbessern. Dass es die Mira-Hundehilfe wurde, ist dem Zufall geschuldet. „Wir wollten eine seriöse Vermittlung und haben uns lange informiert“, sagt Aschenbroich. Mit Emilie hat das Ehepaar aus Großburgwedel einen guten Griff getan. Und davon profitieren jetzt auch die Schüler des Gymnasiums am Hagentorwall.

Selbstredend kann nicht jeder seinen Hund einfach mit in eine Schule bringen. Der Charakter des Tieres muss stimmen. Wenn jemand gebissen wird, bekommt nicht nur der Lehrer ein Problem. Emilie macht nicht den Eindruck, als wenn sie ihre Zähne jemals zu etwas anderem als Kauen und Putzen benutzen wird. Labradore gelten ohnehin als besonders gutmütig.

Emilie hatte auch einen Vorgänger: Paul. Der war zuletzt sehr alt und starb vor rund zwei Jahren. Anschließend bat Aschenbroich darum, Emilie als Schulhund aufzu- nehmen. In der Schulleitung hatte niemand etwas dagegen.

Nach einer halben Stunde wird es im Klassenraum der 5L2 unruhig. Die Kinder sollen Diagramme anfertigen. Aber zuvor müssen sie sich Daten als Grundlage besorgen. Sie sollen ihre Mitschüler fragen, was sie am liebsten essen, welches ihr Lieblingstier oder der Lieblingsverein sind. Die Antworten sollen anschließend in die Diagramme einfließen. „Dürfen wir auch Emilie fragen?“, sagt ein Mädchen. Aschen- broich schmunzelt. „Könnt ihr schon, aber sie wird wohl auf jede Frage mit Wuff antworten.“

Die Kinder fangen jetzt an, durch den Raum zu flitzen. Jeder muss befragt werden. Die Lautstärke nimmt zu. Die Hektik ebenfalls. Man merkt es Emilie an, dass ihr das nicht sonderlich gefällt. „Sie ist ein bisschen empfindlich, wenn es zu laut wird“, sagt Aschenbroich. „Und dann wird es für sie anstrengend.“ Eigentlich könnte der Lehrer jetzt auf Nummer fünf der Klassenregeln verweisen. Die Regeln hängen an der Ein- gangstür des Raums. Zwischen „Wir machen nichts kaputt“ und „Wie machen keine Fotos von anderen“ ist zu lesen: „Wir achten auf Emilie“.

Aber Aschenbroich hat beobachtet, dass die Schüler an dieser Stelle auch selbst ausgesprochen sensibel geworden sind. „Sie weisen sich gegenseitig darauf hin, Rücksicht auf Emilie zu nehmen“, sagt er. Manche der Kinder haben schon eine sehr innige Beziehung zu dem Hund aufgebaut. Zum Beispiel das Mädchen, das ihren Kopf gleich mehrfach ganz eng an Emilies Kopf presst. „Das ist so schön“, sagt die Schülerin. Auch wenn es nicht ausgesprochen wird: Unter der Oberfläche passiert jetzt ganz viel rund um Zuneigung und Vertrauen.

Die dreijährige Hundedame ist an zwei Tagen der Woche Teil der Klasse. Teil des Unterrichts. Wenn Klassenlehrer Aschenbroich montags und mittwochs um die Ecke biegt, läuft die schwarze Hundedame neben ihm her. Der Mathe- und Sportlehrer unterrichtet an den Tagen aber auch andere Klassen. Und so packt er nach dem Unterricht die rote Decke wieder in eine Jutetasche und besucht eine andere Klas- se. Hier rollt er die Decke wieder aus, Emilie nimmt Platz. Für den Wassernapf daneben sind immer Schüler zuständig. Dann kann der Unterricht beginnen.

Immer mittwochs führen zwei Schüler Emilie während der ersten großen Pause über den Wall. „Gassi-Dienst“, hat Aschenbroich diese Aufgabe genannt. Im Flur hängt eine Namensliste aus, in die man sich eintragen kann. Vor allem jüngere Schüler reißen sich darum, die Labrador-Hündin zu begleiten. Nach dem Kopfrechenkampf sind Anna und Elina dran. Die beiden Zehnjährigen schnappen sich die Leine und zuckeln mit Emilie los.

Es ist ein freiwilliger Dienst, der aber gleichzeitig verdeutlichen soll, dass die angenehme Seite eines Schulhundes auch eine Pflicht bedeutet. Vor allem, wenn es lange Tage sind. „Dann gehe ich mit Emilie auch zwischendurch immer mal wieder raus“, sagt Aschenbroich. Meistens hat er auch einen Ball dabei, den er für Emilie wirft. In der Tasche hat er zudem die obligatorischen Tüten, die das große Geschäft aufnehmen sollen.

Nach der Pause greift Aschenbroich wieder zur Tasche mit der roten Decke und steuert den nächsten Unterrichtsraum an. Emilie trottet an seiner Seite. Links und rechts strecken sich ihr wieder die Hände entgegen. Emilie lässt die Schüler gewähren. Aber nur, wenn sie will.

 

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 21.08.2017