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Der Schulträger

Und keiner zieht den Vorhang zu

HAZ Projektwoche Gebetomat 2017Andreanum hinterfragt Reformation mit Projektwoche – unter anderem bittet ein Gebetomat um Gehör

Von Martina Prante

Hildesheim. Mit einem Yoga-Mantra zur Erlangung von Freiheit aus dem Hinduismus startet Mara Keßler gestern im Gebetomat ihre Reise durch den Klang der Religionen. Über ein morgendliches Tageszeitgebet aus dem Islam und die christli- che Urform eines gregorianischen Stundengebets tippt sie sich auf dem Touchscreen zum Za Zen Sutra aus Sri Lanka vor.

Und dann fängt die 18-Jährige – inzwischen von Katrina Horn unterstützt – in dem kleinen Raum an mit Schultern und Kopf im Rhythmus zu zucken: „Wir haben Voodoo entdeckt“, jubeln die beiden. „Nie hätte ich gedacht, dass ich da so lang drinbleibe“, schüttelt Mara ungläubig den Kopf.



Ja, es gibt viel zu entdecken in der Installation, die der Berliner Künstler Oliver Sturm vor neun Jahren entwickelt hat. In einem Gehäuse, das mit Gardine und Geldschlitz an Passbild-Automaten erinnert, lassen sich per Fingerzeig 300 verschiedene Formen von Gebeten durch viele Religionen erlauschen. Die Wiedergabequalität ist erstaunlich gut, es sei denn, man erwischt das Lied der Heiligen Maria von den missionierten Zulus in einer Aufnahme von 1908.

 

 Sturm stellt eine große Bandbreite akustischer Glaubensäußerungen – von Zarathustras Vaterunser bis zu einem Scientology-Gebet – zur Verfügung. Diese wohl kleinste Form eines spirituellen Raums steht meist auf Bahnhöfen, Flughäfen oder Raststätten und bietet Gelegenheit zur inneren Einkehr.

Im Gymnasium Andreanum hat Carina Heidkamp den Gebetomat zur Projektwoche Reformation ausgeliehen und ist ebenso fasziniert wie Schulleiter Dirk Wilkening: „Der Automat ist genuin reformatorisch.“ Er durchbreche wie die Reformation Routinen, stelle Gewohnheiten in Frage, störe (optisch). „Wir wollen die Idee hinter der Lutherreformation wieder beleben“, formuliert Wilkening.

In der Projektwoche, die Montag beginnt, begeben sich Schüler in 37 Projekten zum Beispiel mit Geo Caching auf die Spuren der Reformation in Hildesheim, mit Käthe soll reformatorisch gekocht werden, ein Denkmal wird entstehen, die Bibel geht in die sozialen Netzwerke und mit einer nachgebauten Druckmaschine wird Druck gemacht. Piet Hanning hält derweil seine Videokamera auf den Touchscreen des Gebetomaten. Der 13-Jährige ist im Auftrag der Schülerzeitung für You-Tube unterwegs. Dass ein männlicher Zwölftklässer die Installation für „schön unnötig“ hält, verstehen Mara und Katrina: „Religion ist ein großer Begriff und zu privat, um ihn in einer Gruppe zu teilen.“

Trotzdem zieht keiner der Besucher den Vorhang hinter sich zu. Die Abgrenzung zum Alltag ist wohl beunruhigend. Denn bei geschlossenem Vorhang kann die Beschallung in all den fremden Sprachen und Rhythmen Beklemmung auslösen. Vor allem aber Staunen über die Vielfalt von Glaubensformen. Der Gebetomat fordert, sich spielerisch und mit Verständnis auf diese Kulturen einzulassen.

Info: Der Gebetomat im Pausenraum des Andreanum am Hagentorwall lädt bis Ende September in der Woche von 8 bis 15 Uhr zum Hör-Erlebnis ein.

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 01.09.2017