Andreaskreuz 170

Aus der Galerie

QR-Code

qr code andreanum

 

 

 

 

 

 

Der Schulträger

Musik wird Gefühl wird Gebärde

2018 02 22 Hildesheim 22 02 2018 pdf Seite 24 von 32 Einmalige Vorstellung des Musicals „FrühlingsErwachen“ für Gehörlose

 

Von Ralf Neite

Es ist, als ob der Frühling gleich zweimal vor den Augen des Publikums erwacht. Auf der Bühne steht Inga Krischke und singt Ilses Lied. Innig und leidenschaftlich, aber äußerlich fast regungslos. Rechts von ihr, neben der Bühne, ganz in schwarz, lassen Jessica Sodomann und Mira Sander Blumen verblassen und Schmetterlinge flattern. Sie übersetzen das Lied für alle, die den Text und die Musik nicht hören können. Ilses Gesang wird bei ihnen zu einer Art Tanz, zu ergreifenden Gesten in fließenden Bewegungen.

 

Im Frühling der Gefühle: Die Musical-Company verstärkt durch die Dolmetscherinnen Jessica Sodomann und Mira Sander am Bühnenrand.     FOTO: GOSSMANN

Nick ApelMusicalabend im TfN, die Vorstellung von „FrühlingsErwachen“ am Dienstag ist wieder einmal ausverkauft. Unter den Zuschauern sind diesmal auch einige, die nicht zu den Stammgästen des Theaters zählen: 20 gehörlose und schwerhörige Menschen, Jugendliche und Erwachsene verfolgen gebannt das Bühnengeschehen. Ihre Augen sind bei den Darstellern und ebenso sehr bei den Gebärdensprachdolmetscherinnen, die heute ausnahmsweise dabei sind.

Nick Apel, gehörlos und Schüler in einer Inklusionsklasse des Andreanums, hat den Stein ins Rollen gebracht. Im Deutschunterricht wurde Wedekinds Schauspiel „Frühlingserwachen“ besprochen, für den 15-Jährigen eine spannende Lektüre und zugleich „ein bisschen komisch“. Nick Apel wusste vom Musical im TfN, und so entstand die Idee, sich die neue Musicalfassung des Stoffes anzuschauen.

Bis der Plan Wirklichkeit werden konnte, vergingen allerdings mehrere Monate. Das Hauptproblem bestand darin, das Engagement von Gebärdensprachdolmetscherinnen zu finanzieren. Andrea Neumann, Förderschullehrerin am Andreanum, nahm mit dem Landesbil- dungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH) Kontakt auf; gemeinsam gelang es schließlich, den Rotary Club Hildesheim-Rosenstock, die Johannishofstiftung und die Schulgemeinschaft des LBZH als Förderer zu gewinnen.

In den Augen von Nick Apel ist es den Aufwand mehr als wert. „Es war für mich eine ganz tolle Erfahrung“, lobt er die Dolmetscherinnen nach der Vorstellung. Er sei schon mehrfach im Musical gewesen, bislang immer ohne Übersetzung: „Wenn die Musik laut genug ist, spüre ich das über meinen Körper“, sagt er. Er wäre schon froh, wenn Obertitel für Menschen mit Hörproblemen eingeblendet würden, weiß aber auch: „Da kommen keine Emotionen rüber.“ Das sei an diesem Abend völlig anders gewesen. Er habe durch die Übersetzung eine Vorstellung be- kommen, wie die Musik klingt: mal schwungvoll oder rockig, mal voller Liebe oder auch sehr traurig. „Es war toll umgesetzt“, freut sich Nick Apel.

Das findet auch Hauptdarsteller Tim Müller: „Die Dolmetscherinnen haben sich perfekt in die Inszenierung eingefügt. Sie wirkten, als wären sie Teil davon. In den Momenten, in denen ich nicht selbst auf der Bühne war, stand ich auf der Seitenbühne und habe ihnen voller Begeisterung zugeschaut. Ihre Übersetzung der Sprache und Gefühle hat mich sehr berührt und beeindruckt. Eine Wahnsinns-Leistung!“

Die kommt freilich nicht von ungefähr. Schon im November sind Mira Sander aus Großburgwedel und Jessica Sodomann aus Wolfenbüttel nach Hildesheim gekommen, haben das Stück live gesehen, sich dann mit Textbuch und DVD weiter vorbereitet. „Wir wollen schöne Bilder schaffen, poetische Gebärden“, sagt Mira Sander. Die zwei überlegten, wer welche Rolle übernimmt, stimmten per Whats App-Videos, sogar Choreografien ab, um auch die Energie des Ensembles bei Power- Nummern wie „Völlig im Arsch“ rüberzubringen.

Normalerweise wechseln sich Dolmetscherinnen im Rhythmus von zehn bis 15 Minuten ab, weil eine extrem hohe Konzentration erforderlich ist. Jetzt mussten sie beide während der ganzen Vorstellung nonstop in Aktion sein. Eine anstrengende Sache, die aber eine Menge Spaß macht, da sind sie sich einig: „Theater dolmetschen: Das ist viel zu selten.“ Nick Apel sprechen sie damit aus der Seele.

 

Gehörlos

Als „Gehörlos“ werden Menschen bezeichnet, die taub oder schwerhörig sind und deshalb vorwiegend in Gebärdensprache kommunizieren. In Deutschland leben rund 80 000 Gehörlose, das entspricht einem Prozent der Bevölkerung. Im Zuge der Inklusion haben sie in immer mehr Lebensbereichen Anspruch auf die Unterstützung durch Dolmetscherinnen. Um als Gebärdensprachdolmetscherin zu arbeiten, braucht man ein abgeschlossenes Studium.

 

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ],22.02.2018