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Der Schulträger

Inklusion - kein Alltag in den Klassenzimmern

Inklusion 8 E 1Der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderungen hat die Schule verändert. Vieles ist flexibler geworden. Manches auch schwieriger. Ein Klassenbesuch.

Von Christian Harborth

Donnerstagmittag, 13.10 Uhr. Die 8 E1 des Andreanums hat Deutsch bei Svenja Turowski. „Wir machen erstmal Grammatik“, sagt die junge Pädagogin.  Ein leichtes Murren geht durch die Reihen. Zunächst geht es darum, wann Wörter zusammen und wann getrennt geschrieben werden. „Wer kann mir Beispiele nennen?“, fragt die Pädagogin. „Nomen und Verben werden getrennt geschrieben“, sagt Marie. So wie Angst haben oder Fahrrad fahren. Turowski nickt. „Weitere?“

Inklusion WilkeningDie meisten der 20 Mädchen und Jungen der Inklusionsklasse, 14 bis 15 Jahre alt, beteiligen sich überaus rege. Bei zwei von ihnen fällt aber auf, dass sie eher mit anderen Dingen beschäftigt sind – sie schauen ebenfalls in Bücher, beteiligen sich aber nicht an der Unterrichtseinheit. Das Mädchen in der ersten Reihe und der Junge ganz hinten sind die beiden Inklusionsschüler der Klasse. Früher hätte man davon gesprochen, dass sie eine Behinderung haben. Heute spricht man politisch korrekt von Beeinträchtigungen oder Handicaps.

Noch vor wenigen Jahren hätten die beiden wohl Förderschulen besucht. Aber Deutschland hat sich 2006 dazu verpflichtet, ein inklusives Schulsystem einzuführen. Das bedeutet: Wer will, kann seine Kinder auch an jeder anderen Schulform anmelden, selbst wenn die Kinder eine geistige Behinderung haben und absehbar ist, dass sie beim regulären Arbeitspensum und -tempo etwa eines Gymnasiums nicht mithalten können.

Bei den beiden Inklusionsschülern in der 8 E1 fällt das schnell auf. Sie benötigen Unterstützung. Der 15-Jährige in der letzten Reihe hat während der sechsten Unterrichtsstunde Förderschullehrerin Andrea Neumann nahezu ununterbrochenan seiner Seite. Seine Mitschülerin vorn die Schulbegleiterin Maja Söker.

Vom Unterricht alten Musters ist nicht viel geblieben. Klar: Die Fragen der Lehrerin und Antworten der Schüler. Und der Unterrichtsstoff natürlich. Ansonsten geht es deutlich flexibler zu. Hinter dem Klassenraum befindet sich ein weiterer, in den sich Förderschullehrerin Neumann mit einem der beiden Schützlinge zurückzieht, wenn es erforderlich ist. Das Ganze ist wie selbstverständlich in den regulären Unterrichteingebettet. Die Tür steht offen, Neumann tippt einem der beiden auf die Schulter oder gibt ein Zeichen und sie verschwinden im Nebenraum – der Unterricht im Hauptraum geht ohne Unterbrechung weiter. Klassenlehrerin Turowski zuckt dabei nicht einmal mit der Wimper.

Im Vergleich zu manch anderer Schule im Raum Hildesheim unterrichten die Lehrer des Andreanums nicht besonders viele Schüler mit Beeinträchtigungen. Aber das Gymnasium hat ein für hiesige Verhältnisse ungewöhnliches Instrument: die Inklusionsklassen. In ihnen bleiben die Schüler in einem festen Verband über mehrere Jahre zusammen. Drei von ihnen sind 2013 gestartet, in den Jahrgängen sechs, acht und neun.

Zum neuen Schuljahr kommt eine weitere in Stufe zehn dazu. An der Schule am Hagentorwall betrachtet man die Neuerung zwar kritisch. „Ab einem gewissen Alter sind die Ziele der Schüler einfach zu unterschiedlich“, sagt Dirk Wilkening, Schulleiter des evangelischen Gymnasiums. Aber das Land fordert das Angebot für Zehntklässler per Erlass ein. „Und dem kann sich ein evangelisches Gymnasium natürlich nicht verschließen.“

Vorbehalte gibt es trotzdem reichlich. Zum Beispiel bei einer Mutter, deren Kind eine der Inklusionsklassen besucht. „Mitunter sind bis zu vier Erwachsene im Raum – das stört den Unterricht schon sehr“, sagt sie. Eine Durchmischung der Beeinträchtigten und nichtbeeinträchtigten Schüler gebe es kaum, weder in der Schule noch im Privaten. „Wenn ich wieder vor der Wahl stünde, würde ich mich nicht mehr für eine Inklusionsklasse entscheiden“, sagt sie.

Wer sich mit der bisherigen Umsetzung der schulischen Inklusion beschäftigt, stößt im Raum Hildesheim auf einen Flickenteppich. Rechnet man die Grundschulen mit ein, besuchten im August des Vorjahres m861 Mädchen und Jungen mit Unterstützungsbedarf die allgemeinbildenden Einrichtungen im Landkreis. 439 von ihnen eine in der Stadt Hildesheim. Kaum ein Fall gleicht einem anderen. „Jedes Kind muss individuell angesehen werden“, sagt Klaus Neumann, stellvertretender Leiter der Marienschule. Erst danach könne entschieden werden, welchen Weg es einschlagen kann.

Tabelle Inlkusion Hildesheimer GymnasienDas Gymnasium aus dem Brühl hatte zum Stichtag 2017 lediglich sieben Inklusionsschüler. Aber die Zahlen können täuschen. „Wenn wir drei Schüler mit Beeinträchtigung in einer Klasse haben, bringt das die Klasse schon an ihre Grenzen“, sagt Neumann. Zum Stichtag waren zusammen fast 28000 Schüler in Stadt und Landkreis gemeldet – der Anteil der Inklusionsschüler lag damit bei 3,09 Prozent, hat der Landkreis errechnet.

Der Grundgedanke für diese Schüler ist zwar überall gleich: Junge Menschen, die körperlich oder geistig behindert sind, sollen dieselben Möglichkeiten haben wie alle. Sie sollen an allen Angeboten teilnehmen können und – ein Fall, der so gut wie nie vorkommt – am Ende sogar das Abiturzeugnis in Empfang nehmen können.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht meist so aus, dass der gemeinsame Unterricht nach wenigen Jahren endet. Dann wechseln Inklusionsschüler in andere Einrichtungen, mit dem Ziel, einen Förderschul- oder Hauptschulabschluss zu erreichen. Die Abiturienten setzen ihren Weg in Richtung Hochschulreife allein fort.

In der 8 E1 lässt sich das schon ansatzweise beobachten. Vor allem wegen der unterschiedlichen Inhalte und Aufgaben. Im Deutschunterricht beschäftigen sich die Schüler zum Beispiel auch mit dem Klassiker „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller. Die Inklusionsschüler haben ein eigenes Unterrichtsbuch. Während ihre Mitschüler nach der Lektüre der Novelle die Person des Schneidergesellen charakterisieren – und das Ergebnis anschließend mit den Charakterisierungen der Mitschüler vergleichen, haben die beeinträchtigten Schüler einfachere Aufgaben vor sich. Sie sollen beantworten, ob die Hauptfigur alt oder jung ist, welchen Beruf sie ausübt und ob sie arm oder reich ist. „Viele der regulären Fragen wärenfür die Inklusionsschüler zu schwer“, weiß Förderschullehrerin Neumann.

Aber darum geht es eben in den meisten Fällen auch nicht. Es geht um Teilhabe, um soziale Integration. Das hat der Gesetzgeber auch festgeschrieben: Die offizielle Bezeichnung lautet Integrationsklasse, nicht Inklusionsklasse.

Im Andreanum bereitet man sich schon auf die nächste Generation Fünftklässler vor, die ab dem Sommer starten sollen. Alles ist vorbereitet, die Finanzierung geklärt, das Personal in den Startlöchern. Allein: Der Ansturm auf die freien Plätze istbisher ausgeblieben. „Für die fünf Plätze liegen uns bisher drei Bewerbungen vor“, sagt die Koordinatorin für Inklusion des Gymnasiums, Karin Frank-Gerstung. Über die Gründe könne man nur spekulieren. „Aber vielleicht wollen viele Eltern ihre Kinder doch lieber an einer Förderschule anmelden.“

 

© Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung [HAZ ], 27.02.2018