Martin Boyken war ehrenamtliches Stadtoberhaupt - aber er war auch Direktor einer wichtigen Hildesheimer Schule

Von Christian Harborth und Sven Abromeit

Während Sir Hans Adolf Krebs vom Hildesheimer Stadtrat am 9. Juli 1984 posthum mit der Benennung eines nur 250 Meter langen Weges geehrt wurde, billigten die Verantwortlichen im Rathaus am selben Tag Martin Boyken einen 1388 Meter langen stattlichen Ring im Neubaugebiet zwischen Marienburger Höhe und Itzum zu. Die beiden Ehrenbürger verband dabei nicht nur das Datum der Straßenbenennung, sondern Nobelpreisträger Krebs war von 1910 bis 1918 Schüler des Andreanums und der langjährige Oberbürgermeister Boyken von 1955 bis 1974 Leiter des altehrwürdigen Gymnasiums.

Der auf den ersten Blick etwas ungleichgewichtig erscheinende Ratsbeschluss wird verständlich, wenn man sich die prägende Rolle Martin Boykens für die Hildesheimer Nachkriegsgesellschaft vor Augen führt. Am 1. Februar 1908 in Hamburg geboren, hatte Boyken nach dem Abitur in seiner Vaterstadt und in Marburg evangelische Theologie, Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert. Als Mitglied der bekennenden Kirche wurde er während des Dritten Reiches aus dem Schuldienst entfernt und hielt sich mit Stundengeben an einer Harburger Privatschule über Wasser. Nach Kriegseinsatz bei der Marineartillerie und Gefangenschaft in Nordafrika kam er 1947 als Studienrat nach Stade, 1955 wurde er zum Oberstudiendirektor ernannt und ans humanistische Hildesheimer Andreanum berufen.

Hier sah sich Boyken vorrangig mit der Aufgabe konfrontiert, der seit der Zerstörung 1945 durch verschiedene unzureichende Standorte vagabundierenden Schule endlich eine angemessene neue Heimstatt zu verschaffen. Seine Stader Erfahrungen erwiesen sich dabei als hilfreich. Der 1948 in die CDU eingetretene Pädagoge hatte dort erfolgreich für den Stadtrat kandidiert, um „beim Schulträger mitreden zu können“. Als die Pläne für das Andreanum weiter in den Schubladen der Verwaltung zu verstauben drohten, kehrte Boyken 1959 in die Politik zurück und wurde auch an der Innerste Ratsherr und auf Anhieb ehrenamtlicher Oberbürgermeister.

Schon drei Jahre später konnte er den Grundstein für den Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Michaelisklosters am Hagentorwall legen. Durch sein paralleles Engagement als Mitglied und langjähriger Präsident der Synode der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers schuf er die Voraussetzungen für die unter seinem Nachfolger Heinz Pust zum 1. Juni 1978 vervollständigte Übernahme der Schulträgerschaft durch die Landeskirche.

Auch im Hildesheimer Stadtrat erwies sich das durch hanseatische Offenheit, Weite und Humor geprägte Wirken Martin Boykens als äußerst segensreich in politisch-turbulenten Zeiten. Friedrich Nämsch, mit dem er sich im Amt des OB abwechselte, rühmte bei der Pensionierung 1974 den „geistreichen Humanismus“ seines Gegenspielers sowie dessen „noble Sitzungsführung“. Boyken habe im Gegensatz zu vielen anderen Politikern nie an seinen Posten geklebt und sogar seinen Nachfolger Heiko Klinge selbst ausgesucht und aufgebaut. Ihm sei überhaupt nur ein Fehler anzukreiden, nämlich, dass „er nicht der SPD angehöre“. Die dankbaren Ratskollegen ernannten den ehemaligen Oberbürgermeister im Herbst 1974 zum Ehrenbürger, nach Sir Hans Adolf Krebs die Nummer 24 in der Reihe der so herausragend von der Stadt Ausgezeichneten. Martin Boyken starb am 12. September 1983 in Hildesheim.

Text und Foto: Archiv der Hildesheimer Zeitung